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Kritik: Ballon (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Flucht aus der DDR des Jahres 1979, die zwei Familien in einem Heißluftballon gelang, sorgte weltweit für Schlagzeilen. Die Ehepaare Strelzyk und Wetzel verkauften die Filmrechte nach Hollywood, wo bereits 1982 der Spielfilm "Mit dem Wind nach Westen" entstand. Durch Vermittlung von Roland Emmerich gelang es dem Regisseur Michael Bully Herbig ("Der Schuh des Manitu"), die Remake-Rechte für einen deutschen Film zu erhalten. Bully Herbigs Ausflug ins Thriller-Genre gelingt. Das Bemühen um eine authentische Atmosphäre kennzeichnet nicht nur das atemberaubende Abenteuer der Flucht und ihrer Vorbereitung, sondern auch die Schilderung des Alltags in der damaligen DDR. Die Verfilmung dieses Stücks deutsch-deutscher Geschichte fesselt von Anfang bis Ende.

Der Film erzählt geradlinig, ohne die Ereignisse aufzubauschen oder belehrend auf den Eigenschaften des Unrechtsregimes herumzureiten. Die Einführung schneidet Szenen von Franks Jugendweihe gegen die Erschießung eines Mannes auf der Flucht durch Grenzsoldaten. Weitere Brutalitäten spart sich die Inszenierung, aber die beklemmende Atmosphäre, die fast schon paranoide Angst vor staatlicher Observation begleitet die Familie Strelzyk auf Schritt und Tritt. Hat der Nachbar, der für die Stasi arbeitet, bereits Argwohn geschöpft? Wie viel Stoff für den zweiten Ballon dürfen die Ehepaare auf einmal im Laden kaufen, ohne Verdacht zu erregen? Peter und Doris Strelzyk wirken auch ziemlich naiv mit ihrer Annahme, ein Appell um Hilfe an die amerikanische Botschaft würde sie aus der DDR herausholen. Ihr Hang zur Tollkühnheit, den sie mit den Wetzels teilen, ist aber natürlich auch eine Reaktion auf das lähmende Gefühl, kein freies Leben führen zu können. Zudem lässt ihnen der Fahndungsdruck bald keine andere Wahl, als es noch einmal zu versuchen.

Die Charaktere wirken aus dem Leben gegriffen, sie haben durchschnittliche Biografien. Die Darsteller spielen allesamt überzeugend, aber niemand sticht in diesem Ensemblestück hervor, so wie sich auch die Figurenzeichnung auf die für die Handlung wesentlichen Themen beschränkt. Unheilverkündende Musik begleitet die oft hervorragende Montage, die beispielsweise vom trudelnden Ballon fließend auf den Ostberliner Fernsehturm schneiden kann. Auf unscheinbare Weise, nur mit akustischer Regulierung, folgt der Film dem nervösen Interesse, das Petra Wetzel beim Schlangestehen für das Gespräch hinter ihr entwickelt. Die Spannung erreicht mühelos Thriller-Niveau, auch wenn es um die glücklichen Zufälle geht, die das Abenteuer trotz aller Planung ab und zu braucht.

Fazit: Regisseur Michael Bully Herbig strickt aus dem wahren Ereignis der spektakulären DDR-Flucht zweier Ehepaare in einem Heißluftballon einen atemberaubenden Thriller. Mit seiner gelungenen, geradlinigen Dramaturgie und seiner Realitätsnähe widmet sich der Film nicht nur dem aberwitzigen Abenteuer und seiner Vorbereitung, sondern lässt auch sehr gekonnt die beklemmende Atmosphäre im DDR-Alltag des Jahres 1979 spürbar werden.






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