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Berlin Alexanderplatz
Berlin Alexanderplatz
© 20th Century Fox © eOne Germany

Kritik: Berlin Alexanderplatz (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der deutsch-afghanische Filmregisseur und Drehbuchautor Burhan Qurbani drehte mit "Berlin Alexanderplatz" eine sehr freie Verfilmung des 1929 erschienenen, gleichnamigen Weltbestsellers von Alfred Döblin. Es ist nicht die erste Verfilmung: Bereits 1931 entstand eine Kino-Adaption mit Heinrich George in der Hauptrolle. Die berühmteste filmische Adaption stammt von Rainer Werner Fassbinder, der aus dem Stoff eine 13-teilige, von der Kritik gefeierte TV-Serie realisierte.

Milieu-Chronik, Großstadtroman, Gesellschaftskritik, Liebesgeschichte und Krimi – in Döblins weltberühmtem Roman steckt eine ganze Menge Stoff. Fassbinder machte aus der monumentalen Geschichte ein mehr als 900-minütiges, von außerordentlicher erzählerischer Kraft geprägtes TV-Epos. Qurbani gelingt selbiges für die Kinoleinwand. Er verwandelt den klassischen Stoff in einen überlebensgroßen, bildgewaltigen und ungemein stimmungsvollen Film, der die großen Themen unserer Zeit verhandelt und von seinen herausragend agierenden Darstellern lebt.

Wie gegenwärtig und zeitgemäß Döblins Ideen und Botschaften doch noch heute sind beweist dieser Film zudem eindrucksvoll. Es geht um Themen wie Identitätssuche, Heimat, Integration, Abschottung (das Leben und der Zustand im Flüchtlingsheim sind zentrale Aspekte), ums Überleben in der Großstadt und natürlich um Liebe. Und immer auch um die dunkle Seite, die in uns allen schlummert und der man sich nicht ewig widersetzen kann. Francis (in seinem Auftreten ebenso natürlich wie sensibel: der guinea-bissauisch-portugiesische Schauspieler Welket Bungué) selbst gelingt es mehrere Male, den "Avancen" Reinholds gegenüber standhaft zu bleiben – doch irgendwann ist auch er zu schwach.

Apropos Gefahren: Nicht vergessen dürfen wir die uns umgebenden, überall lauernden Fallstricke, Risiken und (verführerischen) Reize, denen es zu trotzen gilt um das eigene Weiterleben zu sichern. In "Berlin Alexanderplatz" manifestiert sich all dies in der Figur des psychopathischen, sexsüchtigen und schwer neurotischen Reinhold, mit roher und durchdringender Präsenz verkörpert von Albrecht Schuch. Auch Jella Haase überzeugt als selbstbewusste Frau, die weiß was sie will und sich nimmt wen sie will (nämlich Francis). Der Charakter von Jella Haases Figur könnte von der Gemütsart einer naiven, prolligen Teenie-Göre á la Chantal Ackermann, wie sie Haase in den "Fack ju Göthe"-Filmen spielte, nicht weiter entfernt sein.

Und nicht zuletzt findet Qurbani für sein Großstadt-Märchen auch die exakte Balance aus irrlichternd-flirrenden Bildern der Weltmetropole Berlin und sanften, erhabenen (Nah-)Aufnahmen leidender, liebender Figuren, die einfach nur auf der Suche nach Akzeptanz und Frieden sind.

Fazit: Atmosphärisch, expressiv, mutig: Zeitgemäße Neufassung eines Jahrhundert-Romans, die von ihren umwerfenden Darstellern und einer dringlichen Bildsprache lebt.




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