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Stephen Kings Doctor Sleeps erwachen
Stephen Kings Doctor Sleeps erwachen
© Warner Bros.

Kritik: Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was hat sich der Verleih bloß bei diesem Titel gedacht? Statt "Doctor Sleep", den Namen von Stephen Kings Buchvorlage, beizubehalten, konstruieren die deutschen Warner-Verantwortlichen ein merkwürdig umständliches Etikett. Als "Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" kommt der von Mike Flanagan ("Spuk in Hill House") inszenierte Horrorstreifen nun hierzulande in die Kinos. Das Besondere an dem Film ist seine doppelte Agenda. Einerseits möchte der Regisseur dem zu Grunde liegenden, 2013 veröffentlichten Roman gerecht werden, mit dem King seinen eigenen Klassiker "Shining" fortsetzte. Andererseits gibt sich Flanagans Adaption deutlich als Hommage an Stanley Kubricks "Shining"-Verfilmung zu erkennen, für die Schöpfer King nur wenig Begeisterung aufbringen konnte.

Die Verneigung vor der längst als Meisterwerk geltenden Leinwandversion aus dem Jahr 1980 beginnt schon in den ersten Sekunden, wenn die ominösen Klänge aus Kubricks Einstiegssequenz zu hören sind. Wenig später tauchen wir ein in das berühmt-berüchtigte Overlook-Hotel, dessen lange Gänge der seherisch begabte Danny Torrance (Roger Dale Floyd) mit seinem Dreirad unsicher macht. Mit großer Liebe zum Detail erwecken Flanagan und seine kreativen Mitstreiter die ikonisch gewordene Horror-Location zu neuem Leben und geben einen kleinen Einblick in den hier lauernden Schrecken. Auch wenn es ein wenig irritieren mag, dass neue Schauspieler die Rollen der alten Darsteller ausfüllen, dürfte der atmosphärische Auftakt vor allem Kinonostalgiker erfreuen.

Danny, dem es am Ende von "Shining" gelang, mit seiner Mutter dem gruseligen Hotel und seinem verrückt gewordenen Vater zu entkommen, kann das Geschehene nicht wirklich hinter sich lassen. Obwohl er die Geister der Vergangenheit – etwa die unheimliche Frau aus Zimmer 237 – mental wegsperrt, findet er keinen Halt, wie sich nach einem Zeitsprung zeigt. 2011 begegnen wir einem abgebrochenen Trinker (Ewan McGregor), der sich inzwischen Dan nennt. Als er in eine Kleinstadt in New Hampshire kommt, greift ihm der freundliche Billy Freeman (Cliff Curtis) unter die Arme, besorgt ihm ein Zimmer und führt ihn in eine Selbsthilfegruppe ein. Schon bald hat Dan eine Anstellung in einem örtlichen Hospiz, wo er den Sterbenden dank seiner besonderen Gabe, dem Shining, die Angst vor dem Tod zu nehmen versucht.

Acht Jahre später erreicht ihn eine dringende Bitte der jungen Abra Stone (Kyliegh Curran), die ebenfalls über telepathische Fähigkeiten verfügt. Dank ihrer besonderen Sensoren konnte sie eine vampirhafte Sekte bei einem blutigen Ritual beobachten. Anführerin Rose the Hat (Rebecca Ferguson) und ihre Schergen jagen Kinder mit Shining-Veranlagung, töten sie, saugen die dabei in Form eines Dampfes freigesetzte Kraft in sich auf und halten sich auf diese Weise jung. Abra möchten dem mörderischen Treiben ein Ende bereiten, findet bei Dan aber zunächst nur wenig Gehör.

"Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" ist sicherlich kein lieblos abgewickeltes Standard-Horror-Sequel. Dafür bricht Flanagan, der auch das Drehbuch verfasste, mit zu vielen aktuellen Trends. Plärrende Schocksalven, wie sie im heutigen Gruselkino gang und gäbe sind, bleiben aus. Hier und da setzt der Regisseur einen markigen Akzent, vertraut aber vor allem auf die Kraft einer bedrückenden Atmosphäre, die sich unter anderem aus einem beständig ertönenden Pochen und suggestiven Kamerafahrten speist. Für die Einführung in die Geschichte nimmt sich der Film überdurchschnittlich viel Zeit und bemüht sich, relevante Themen aus Kings Roman auf die Leinwand zu übertragen. Gerade in der ersten Stunde blicken wir immer wieder in die Psyche Dans und Abras und können so erahnen, welche Belastungen ihre Shining-Fähigkeit mit sich bringt. Manchmal wagt sich Flanagan allerdings nicht weit genug vor und verschenkt dadurch emotionale Ausdruckskraft.

Einen starken Eindruck hinterlässt die Schwedin Rebecca Ferguson, die die Oberschurkin Rose als verführerisch-unheimliche Hexenmeisterin anlegt. Bei fast jedem Auftritt reißt sie die Aufmerksamkeit an sich und sorgt für handfestes Frösteln. Bedauerlicherweise wird die Sektenchefin vom Skript in der zweiten Hälfte des Mittelteils eine Weile zur Untätigkeit verdonnert, während ihre Gefolgsleute ein reichlich naives Verhalten an den Tag legen. Dan und Abra, deren Plan keineswegs besonders raffiniert daherkommt, spielen sie damit, zumindest teilweise, in die Karten. Die erzählerischen Holprigkeiten vor dem letzten Akt scheint Flanagan billigend in Kauf zu nehmen, um ein wuchtiges Finale entfesseln zu können.

Wie schon zu Beginn knüpft "Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" im großen Showdown noch einmal sehr umfassend an Kubricks "Shining"-Interpretation an. Dabei entstehen durchaus einige Gänsehautmomente. Manche Zitate und einige nachgestellte Szenen wirken aber auch etwas plump und zehren allzu deutlich von der Stärke des Vorbilds. Dessen Status – das lässt sich mit Sicherheit sagen – wird die Fortsetzung trotz akribischer Ausstattung und kompetenter Inszenierung nie erreichen.

Fazit: Souverän arrangiertes, dramaturgisch zuweilen aber unebenes Schauerkino, das sich mit seinen detailverliebten "Shining"-Reverenzen nicht immer einen Gefallen tut.




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