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Kritik: Judy (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Judy Garland wurde bereits im Alter von 17 Jahren eine Hollywoodlegende, als der Klassiker "Der Zauberer von Oz" 1939 in die Kinos kam. Den Song "Somewhere Over the Rainbow", den sie in ihrer Hauptrolle der Dorothy sang, trägt sie auch fast 30 Jahre später noch auf der Bühne vor. Das Ende ihrer Karriere vereint im Winter 1968 in London noch einmal Licht und Schatten, Glanz und Elend eines Lebens für die Show. Das Drama des britischen Regisseurs Rupert Goold ("True Story – Spiel um Macht"), der das Londoner Almeida Theatre leitet, basiert auf dem Theaterstück "End oft the Rainbow" von Peter Quilter. Dem Londoner Gastspiel Judy Garlands – sechs Monate vor ihrem frühen Tod – stellt der Film Rückblenden zu den Anfängen in Hollywood gegenüber, an die sich die Schauspielerin oft schmerzlich erinnert.

Der Film lebt ganz vom herausragenden Schauspiel Renée Zellwegers, die auch die Lieder selbst singt. Sie stellt Judy Garland zerbrechlich, seelisch geschunden dar, aber auch als Bühnenprofi mit unglaublichem Stehvermögen und einem Talent, das die Londoner von den Sitzen reißen kann. Es ist einfach großartig, Zellweger dabei zuzuschauen, wie sie den inneren Kampf, den Judy Garland führt, in ihr Mienenspiel übersetzt. Judy Garland kann nicht schlafen, hat kein Heim, niemanden, der sie in den Arm nimmt. In einer bewegenden Szene verbringt sie mit einem schwulen Londoner Paar, das zu ihren langjährigen Fans zählt und das sie gerade kennengelernt hat, einen entspannten häuslichen Abend. Dann schleppt sie, auf der Suche nach Geborgenheit, den viel jüngeren Verehrer Mickey Deans (Finn Wittrock) vor den Traualtar. Wie jeder große Star aber braucht Judy am meisten die Liebe des Publikums.

Was diesen schönen und berührenden Film so traurig macht, ist die Gegenüberstellung von Judy Garlands Londoner Zeit mit ihren Anfängen im Hollywoodstudio von Louis B. Mayer. Denn der Studioboss beutet die Jugendliche gnadenlos aus, eine Aufpasserin verbietet ihr das Essen, sie hat keine geregelte Ruhezeit, bekommt Tabletten für die verschiedensten Zwecke. Als dann in London die herzliche Assistentin Rosalyn – ebenfalls beeindruckend gespielt von Jessie Buckley – Judy Garland eine Torte schenkt, traut sich diese kaum, davon zu kosten. Nie durfte das Mädchen Judy über die Stränge schlagen. Und nun kommt Judy Garland, die so früh gelernt hat, zu funktionieren, mit ihrer unterdrückten Seite eines Menschen mit Schwächen und Bedürfnissen nicht zurecht.

Fazit: Das bewegende Drama des britischen Regisseurs Rupert Goold schildert die wechselhaften letzten Konzertauftritte Judy Garlands im Jahr 1968 in London. Es stellt diese Episode auf erhellende Weise Szenen im Hollywood des Jahres 1939 gegenüber, als die noch minderjährige Judy Garland zum gnadenlos ausgebeuteten Star in "Der Zauberer von Oz" wurde. In London muss die Diva ihre Einsamkeit selbstzerstörerisch betäuben, ringt sich aber auch grandiose Showmomente ab. Renée Zellwegers herausragende Darstellung macht den Film zum Ereignis.




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