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Kritik: Und morgen die ganze Welt (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Und morgen die ganze Welt" ist ein deutsch-französischer Spielfilm der Filmemacherin Julia von Heinz. Ihr bisheriges filmisches Schaffen ist vielschichtig: Von romantischen Komödien ("Hannas Reise") über Jugendfilme ("Hanni und Nanni") bis hin zum Tatort ("Für immer und dich"). "Und morgen die ganze Welt" ist ihr erster Kinofilm seit der Romanverfilmung "Ich bin dann mal weg". Der Film eröffnete die diesjährigen Hofer Filmtage.

Wie eine Klammer legt sich der Artikel 20 der deutschen Verfassung um diesen Film, wenn er am Anfang und ganz zum Schluss, mal in Textform, mal mündlich vorgetragen, auftaucht. "Die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat." Und weiter, sinngemäß: Wer dies zu beseitigen oder zerstören versucht, provoziert den Widerstand, zu dem "alle Deutschen das Recht haben" – wenn es keine andere Lösung gibt. Der Artikel ist die Antriebsfeder und die Motivation für alle Handlungen der linken Kommunarden im Film.

Ganz dicht folgt von Heinz ihrer Protagonistin durch dieses fast dokumentarisch anmutende Werk und filmt ihr regelrecht über die Schulter. Häufiger geraten dabei auch die beiden so unterschiedlichen, männlichen Hauptfiguren, Alfa (Noah Saavedra) und Lenor (Tonio Schneider), ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber obwohl die Regisseurin immer wieder Luisas Gefühle vor allem für den Kommunen-Macho Alfa subtil und in beiläufig eingestreuten Szenen aufzeigt, verliert sie die Haupthemen ihres Films nie aus den Augen. Es ist zum einen die Kernfrage, wie weit man für seine Überzeugungen und per Grundgesetz garantierten Rechte wirklich gehen darf. Und: Was es mit einem macht, wenn man selbst plötzlich Dinge tut, zu denen man sich früher nie im Stande fühlte.

Mit diesen Themen schlägt von Heinz gekonnt den Bogen in die Realität. In unsere Gegenwart. Eine Zeit, in der radikale und fremdenfeindliche Ansichten wieder zunehmen. Und nationalistische, demokratiefeindliche und den Rechtsstaat untergrabende Strömungen mehr Zulauf erhalten. Einziger Wermutstropfen: Von Heinz hätte den Nebencharakteren etwas mehr Zeit und Raum zugestehen können. Von ihrer Kommunen-Freundin, den Eltern, ihrem Professor, einem als Mentor auftretenden Alt-Linken– über sie alle hätte man gerne mehr erfahren. Wie haben sie Luisas Weltbild und politische Einstellungen geprägt? Welchen Einfluss haben sie auf ihre Taten? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Fazit: Einnehmende, hochpolitische Milieustudie mit essentieller Botschaft und dem Mut zu Leerstellen und Sprunghaftigkeit.




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