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Kritik: Je suis Karl (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

Die rechte Bedrohung: Spätestens seit der "Flüchtlingskrise" 2015 versuchen Parteien europaweit (und darüber hinaus), verunsicherte Bürger wie Rattenfänger einzusammeln und vorhandene Ängste zu schüren und zu instrumentalisieren. Die einen machen das "Mainstream-verträglich" von der politischen Mitte aus, die anderen radikal.

In den letzten Jahren gab es aber auch das neu aufkommende Phänomen junger, rechter Bewegungen, die sich im Auftreten deutlich von den altbekannten Neonazis unterscheiden: Adrett bis hip gekleidet sprechen sie wohlformulierte Sätze, die beim ersten Hinhören so gar nicht nach rechtsradikalen Parolen klingen wollen, sondern die Aura von Bildung und Klasse versprühen. Die Sorgen dieser Bewegungen (etwa der österreichischen Identitären) sind allerdings die selben: Überfremdung, "Niedergang des Abendlandes", Verlust der eigenen Identität und Kultur, Verlust von Sicherheit usw. usf. Diese rechten Hipster stellen also ein echtes Phänomen dar – auch wenn sich deren Zulauf in den letzten 1, 2 Jahren reduziert hat. Christian Schwochow will sich in seinem Melodram "Je suis Karl" mit diesem Problem auseinandersetzen, ihm nachfühlen, macht das aber derart plump, dass der künstlerische und gesellschaftliche Wert gleich null ist.

Was ein kluger und aktueller Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten sein möchte ist am Schluss nicht mehr als ein schlecht gemachter Film voller Klischees und mit einem allzu simplen Weltbild, das beinahe Soap-Charakter hat. Eine tatsächlich existierende Bedrohung durch radikal-islamistische Gruppen (siehe Attentate in Frankreich, Wien, etc.) wird negiert und so dargestellt, als wäre diese nur eine Erfindung der Rechten (wortwörtlich, verkörpert durch den Fake-Attentäter, der kein echter ist). Gleichzeitig wird ignoriert, dass es tatsächlich breite Teile der Bevölkerungen gibt, denen Zuwanderung, Globalisierung und gesellschaftliche Veränderungen Sorgen bereiten. "Je suis Karl" versucht keinen ernsthaften Beitrag zu leisten, sich mit diesen realen Problemen auseinanderzusetzen oder zu verstehen, sondern melodramatisiert und karikiert sie beinahe comichaft und zynisch zu reinen Unterhaltungszwecken. Der Film gründet auf der simplen Weltformel: An allen Problem weltweit sind die "Karls" dieser Erde schuld und ohne sie wäre alles gut. Glücklich jene, die sich komplexe Zusammenhänge so einfach erklären können.

Kurz zusammengefasst scheitert "Je suis Karl" daran, ein real existierendes Phänomen und Problem in irgendeiner Weise adäquat oder seiner Komplexität angemessen darzustellen. Er leistet keinen Beitrag zum Verständnis dieser Dinge und beutet tatsächlich existierendes Leid (es gibt reale Opfer von terroristischen Anschlägen) zu Unterhaltungszwecken aus. Der Film hat keine Botschaft, seine einzige Absicht ist es, auf primitive Art und Weise zu unterhalten. Und nicht einmal das gelingt wirklich.

Positiv anmerken lässt sich höchstens, dass versucht wird, das neue Phänomen junger, gebildeter Rechter und deren "Attraktivität" und Vorgehensweise abzubilden, was vor allem in der Personifikation dieses neuen Typen in der Figur Karl gelingt, der durch Jannis Niewöhner glaubwürdig dargestellt wird. Am fehlenden Kontext oder der Absenz eine gesamtgesellschaftlichen Einordnung oder Analyse ändert das natürlich nichts.

Fazit: Plump, laut, schrill und äußerst banal: "Je suis Karl" ist ein zynischer Film für Menschen, die nicht denken wollen und kein Problem damit haben, sich durch Leid unterhalten zu lassen. Dem Porträt der "neuen Rechten" in Europa fehlt es völlig an Tiefgang und ernsthaftem Interesse an einem realen, besorgniserregenden Phänomen, wodurch der diskursive Beitrag dazu gleich null ist: Ein boulevardesker Polit-Porno.




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