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Dear Evan Hansen
Dear Evan Hansen
© Universal Pictures International

Kritik: Dear Evan Hansen (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Wer dachte, dass ein Musical keinen ernsten Dramastoff verträgt, kennt womöglich dieses Werk des Regisseurs Stephen Chbosky ("Wunder") noch nicht. Die filmische Adaption des gleichnamigen, preisgekrönten Broadwaymusicals von Steven Levenson, Benj Pasek und Justin Paul erzählt von einem depressiven Jugendlichen mit sozialen Ängsten. Der Titelcharakter, den wie schon auf der Bühne Ben Platt spielt, wünscht sich auf der High School nichts sehnlicher als Freundschaften.

Auch dem psychisch labilen Mitschüler Connor, der zu Wutausbrüchen neigt, scheint es ähnlich zu gehen. Noch bevor sich die beiden Jugendlichen näher kennenlernen, ist Connor tot und Evan erfindet für dessen Mutter Szenen einer Freundschaft. Indem er seinen eigenen Wunschträumen Ausdruck verleiht, tritt Evan aus der Isolation heraus. Eine Weile spenden seine Geschichten, beispielsweise über einen schönen Tag, den er und Connor draußen verbrachten, den Hinterbliebenen Trost. Die berührendste Rolle im Drama nimmt eigentlich Connors Mutter Cynthia ein. Amy Adams spielt die Frau, die sich nichts lieber ausmalt, als dass ihr Sohn in seinem kurzen Leben doch noch in den Genuss einer Freundschaft und unbeschwerter Momente gekommen war, mit unwiderstehlicher Ausdruckskraft. Dass der schüchterne Evan es nicht fertigbringt, sich ihren Wünschen rechtzeitig zu entziehen, erscheint nur plausibel.

Es wird natürlich auch gesungen, meistens recht traurige, aber ansprechende Lieder, die die Geschichte auflockern. Und Evans Fantasien über die Freundschaft bekommen ab und zu ein Gesicht. In einer sieht man den bereits verstorbenen Connor singend und tanzend in der High School – so hätte es in einer besseren Welt gewesen sein können. Diese Szene hat schon eine makabere Note, die im übrigen der gesamten Geschichte anhaftet, je länger sie dauert und je mehr sich Evan in die Rolle des Freundes verstrickt, der auf dem besten Wege ist, zum Ersatzsohn der trauernden Familie zu werden.

Als sich auch noch eine fähige und engagierte Mitschülerin als depressiv zu erkennen gibt, schraubt sich das Klischee von der High School als höllischem Ort in ungeahnte Dimensionen. Und was davon zu halten ist, dass an der Schule mit ständig neuen Initiativen des Toten gedacht wird, wie um ihn unsterblich zu machen, überlässt der Film lieber seinem Publikum. Die Not einsamer Schüler*innen ist sicherlich ein wichtiges Thema in der Realität und daher auch im Film, aber hier wird dieses Motiv aufgebläht, bis es die Bodenhaftung verliert.

Fazit: Nach dem Tod eines einsamen Schülers erfindet ein anderer einsamer Jugendlicher die Geschichte ihrer gemeinsamen Freundschaft. Mit ihr vermag er die Familie des Verstorbenen zu trösten und findet selbst aus der Isolation, aber Lügen haben kurze Beine. Unter der Regie von Stephen Chbosky vermag der Musicalfilm, der auf dem gleichnamigen Broadway-Erfolg basiert, durchaus zu berühren und zu fesseln. Aber die seelische Not des Titelcharakters und anderer Jugendlicher wird als Motiv zu sehr ausgewalzt.




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