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Jerry Maguire - Spiel des Lebens
Jerry Maguire - Spiel des Lebens

Kritik: Jerry Maguire - Spiel des Lebens (1996)


An Tom Cruise scheiden sich die Geister. Von Kritikern als Schauspielstümper geschmäht, als Attraktion im Scientology-Zirkus umstritten und als Frauenschwarm von neidischen Männerblicken mißbilligt, dürfte der 34jährige eigentlich nicht den Ruf eines unantastbaren Stars genießen. Und dennoch arbeitet er seit über zehn Jahren mit den renommiertesten Regisseuren. Erst im letzten Jahr agierte er vor den Augen eines Brian de Palma ("Mission Impossible"), und selbst der Regie-Exzentriker Stanley Kubrick verpflichtete den erfolgverwöhnten Sonnyboy für sein neuestes Projekt "Eyes Wide Shut", das noch in diesem Jahr in den Kinos erstrahlen wird. Darüberhinaus gilt der sympathische Yuppie von nebenan als einer der wenigen Mega-Kassenmagneten seiner Generation.
Tom Cruise ist Produkt und Phänomen der 80er Jahre, sein Image ist porentief vom Zeitgeist geprägt, und diese geschickt produzierte und phänomenal gepflegte Selbstinszenierung bildet die Grundlage für seine bis dato fast floplose Karriere. Sein aktueller Film "Jerry Maguire" reiht sich nahtlos ohne den manchmal vielleicht wünschenswerten Widerstand in seine mehr und mehr zubetonierte Rollengeschichte ein. Entfloh er noch kurzzeitig als Blutsauger Lestat ("Interview mit einem Vampir") dem Imagefundament, so ist sein Auftritt als Sportagent auf dem Weg der Erleuchtung nur noch langweilige Kopie und Reproduktion eines gut vermarktbaren Abziehbildes. Kein Wunder also, daß Jerry Maguire im Land des unbegrenzten Marktes schon innerhalb weniger Wochen die 100-Millionen-Dollar-Schallmauer durchbrach, denn die Geschichte ist darüberhinaus gnadenlos infiziert vom amerikanischen Traum, oder besser vom amerikanischen Virus. Jerry Maguire ist Tom Cruise und Tom Cruise ist Jerry Maguire, eine skrupellose, karrieregeile Spitzenkraft einer Sportleragentur mit Fließband-Output und rücksichtslosem Produktionsrhythmus. Doch von einem Tag auf den anderen entdeckt der Jungmagnat plötzlich seinen verschütteten Sinn für Ehrlichkeit und menschliche Tugenden und gräbt nun nach einem ehrbaren beruflichen Weg ohne unsaubere Tricks und hinterhältige Tücken - und gräbt, und gräbt, ... und fällt in seine eigene Grube. Jerry wird gefeuert, verliert den Großteil seiner Kunden und das Interesse seiner Lebensabschnittsgefährtin. Tragisch, tragisch! Doch auf der Leinwand flimmert ja eine in Hollywood-Glanzpapier eingeschweißte Mogelpackung, und es ist alles natürlich nur eine Frage der Zeit, bis sich ein geläuterter Held den Weg zum Erfolg zurückerkämpft hat, eine loyale Liebe in den Hafen der Ehe schippert und Jerry Maguire ohne Gewissensbisse seinen aufstrebenden Football-Zögling in die Arme nehmen kann. Der Verleih bezeichnet "Jerry Maguire - Spiel des Lebens" als "eine witzige, bezaubernde und überaus charmante romantische Komödie, die die entmenschlichte Berufswelt intelligent kommentiert und die Liebe als größte Qualität des Lebens zelebriert". So einen Satz muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein bißchen viel Lorbeeren für einen einzigen Film. Der Streifen verspielt die Möglichkeiten seines eigentlich differenziert-facettenreichen Potentials und gerät zu einer eindimensionalen Auseinandersetzung mit der Promotion- und Marketingszene. Die Intelligenz der Geschichte ist ein oberflächlicher Trugschluß, und ein pointierter Kommentar war wahrscheinlich mehr geplant als letztendlich ausgeführt. Wie kann eine Komödie funktionieren, wenn Figuren ohne ironische Brechungen in die Kamera strahlen, ins Mikrofon schluchzen. Aus romantisch-charmant konzipierten Momenten ohne jegliche Zwischentöne wird der Versuch einer bezaubernden Komödie zu einer unglaubwürdigen "Serödie", die sich selbst auch noch ernst nimmt.
"Jerry Maguire" ist mal wieder ein Paradebeispiel für amerikanische Doppelmoral. Die Geschichte über einen amerikanischen Traum hat sich mit dem fehlenden Schuß kritischer Distanz an der Managerkrankheit infiziert: "Möglichst viel Kohle mit dem Verarschen der Menschheit!" Und Tom Cruise mag für seine Traumwandlerei zwar den Golden Globe abkassiert haben, seine Oscar-Hoffnungen jedoch kann er mit diesem Werk wohl getrost um ein weiters Jahr verschieben.




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