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Berlinale-Jury: Darren Aronofsky, Martha De...utou.
Berlinale-Jury: Darren Aronofsky, Martha De Laurentiis, Matthew Weiner, Daniel Brühl, Claudia Llosa, Bong Joon-ho und Audrey Tautou.
© Berlinale

Berlinale-Tagebuch - Tag 1

"Jeder Tag ist wie Weihnachten"

Absperrungen am Potsdamer Platz, Riesenleinwände, Filmstars auf allen Werbeplakaten, kleine Trittleitern nebeneinander aufgereiht, auf denen dann am Abend die Photographen mit ihren Objektiven und Blitzlichtern am Roten Teppich die Stars ablichten werden, an Hintertüren lauernde Autogrammjäger, abgedunkelte Limousinen und ein unglaubliches Gewusel, aus denen ein vielstimmiges Sprachengewirr emporsteigt - willkommen zur Berlinale 2015!

Während draußen auf der Straße vor dem Berlinale Palast und dem Hyatt Hotel, in dem die Presse untergebracht ist, bei einer sinnfreien Werbeaktion mit einem Formel eins-Boliden ein Höllenspektakel wie von einem Dutzend Laubpuster veranstaltet wird, stehen im Hotel die Journalisten und Photographen Schlange, um ihre Akkreditierung abzuholen. Für das Pressematerial in Form eines Telephonbuch-dicken Wälzers muss man wiederum in den Keller des Berlinale-Palastes. Am Nachmittag wird dieser zur verbotenen Zone erklärt und geräumt: Die Eröffnungsfeier am Abend wirft durch die nötigen Vorbereitungen ihren Schatten voraus.

Erster Programmpunkt an diesem Tag: Auf einer Pressekonferenz stellt sich die Berlinale-Jury den Fragen der Journalisten. In der Mitte des Podiums wird Darren Aronofsky platziert. Der "Noah"-Regisseur sitzt dort sichtlich gut gelaunt mit Schiebermütze und Brille. Flankiert wird er von Schauspieler Daniel Brühl (mit Vollbart), dem südkoreanischen Regisseur Bong Joon-ho ("Snowpiercer"), Produzentin Martha De Laurentiis ("Hannibal"), die peruanische Regisseurin Claudia Llosa ("Eine Perle Ewigkeit"), die französische Schauspielerin Audrey Tautou und der Drehbuchautor Matthew Weiner ("Mad Men").

Schnell wird klar: Das ist eine Truppe, die wohl noch viel Spaß miteinander haben wird. Aronofsky sitzt der Schalk sowieso im Nacken, aber auch alle anderen sind Frotzeleien und Späßen nicht abgeneigt. Der Jury-Präsident hat es besonders auf Kollegen Joon-ho abgesehen ("Ich verrückt? Also, wenn es hier um verrückt geht, dann läuft mir Bong Joon-ho aber sicherlich den Rang ab...").

Die erste Frage geht an Daniel Brühl. Und will der EinsLive-Reporter es da besonders menscheln lassen - oder nur damit strunzen, dass er Brühl per se duzt und schon in der Vergangenheit dicke mit ihm gewesen ist ("Daniel, Du...")? Jedenfalls pariert der 36-Jährige die Frage, wie er die Berlinale durchstehen will, wo er doch sonst immer auf der anderen (Feier)-Seite stand, schön trocken: "Weniger trinken."

Sicherlich nicht die klügeste aller Fragen, von einem Jury-Mitglied wissen zu wollen, welcher der Filme für ihn Favorit sei. Daniel erwidert diese Einlassung einer Journalistin mit dem Hinweis, dass man doch unparteiisch sein müsse. "Außerdem sehen ja in so einer Jury mehrere Augen zu und bringen ihre Sicht der Dinge ein."

Viele Fragen drehen sich um die Arbeit in der Jury. Wie ist das organisiert, wie fühlt es sich an, über die Werke anderer urteilen zu müssen? Darren Aronofsky hat seine glasklare Taktik: "Ich weiß nichts, über das, was ich hier sehen werde. Ich habe mir keine Zusammenfassungen durchgelesen und weiß erst, wenn der Vorspann des Films startet, was da überhaupt auf mich zukommt. Insofern ist hier jeder Tag wie Weihnachten für mich."

Es sei ein bisschen wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen, wenn man in einer Jury ganz unterschiedliche Filme bewerten müsse. "Das ist eine seltsam subjektive Erfahrung. Unsere Preise werden insofern genauso viel über die Jury aussagen wie über die Filme", so der Amerikaner. "Ein erfolgreicher Film ist dabei für mich unabhängig vom Genre - sondern er muss mich bewegen und berühren."

19 Filme in zehn Tagen anzuschauen, ist laut Brühl ein "strammes Programm", das aber für Aronofsky auch "inspirierend" ist. Er werde als Jury-Präsident die Diskussionen nicht leiten. Statt dessen würden sich durch die Gespräche der Jury-Mitglieder untereinander und dann zum Schluss in großer Runde miteinander die Vorlieben der Einzelnen "schnell herausschälen".

Audrey Tautou betonte, es gehe nicht darum, etwas zu kritisieren: "Wir stimmen nicht gegen Filme, sondern wir stimmen für Filme." Man beurteile hier keine Kriminellen wie in einer Geschworenen-Jury, sondern Filme, ergänzte Matthew Weiner. Bong Joon-ho die Aufgabe der Jury darin, den anderen Filmemachern ihren Respekt zu erweisen.

Und selbst wer leer ausgehe - es sei doch schon eine Ehre, dabei gewesen zu sein. "Mein 'Goodbye Lenin' hat vor zwölf Jahren auf der Berlinale keinen Preis gewonnen", erinnert sich Daniel Brühl, "aber geschadet hat ihm die Einladung zur Berlinale sicherlich nicht."


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