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Cinderella
Cinderella
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Berlinale-Tagebuch - Tag 9

Märchenhafter Wettbewerbsabschluss

Am letzten Wettbewerbstag gab es gleich am frühen Morgen eine äußerst positive Überraschung. Das kleine vietnamesische Drama mit dem Originaltitel "Cha và con và" ("Big Father, Small Father and Other Stories") wartet mit einer Reihe großer Qualitäten auf, die auch den letztjährigen Gewinner der Goldenen Palme - das chinesische Thrillerdrama "Feuerwerk am helllichten Tage - auszeichneten: Der Film schildert in hochatmosphärischen Bildern das Leben in Saigon Ende der 90er-Jahre: Der Fotografiestudent Vu mietet ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in einem Slum am Fluss und erkundet mit seiner brandneuen Kamera die Menschen, Orte und Dinge in seiner Umgebung. Besonders fasziniert ihn sein Mitbewohner Thang der sich im Nachtleben von Saigon, inmitten von Drogendealern, Spielern und Prostituierten zu Hause fühlt. Später führt der Weg der Protagonisten in das Mekong-Delta. Die Bilder dieser urwüchsigen Natur sind pure Poesie. Reine Poesie ist auch dieser wunderschöne Film, der mit einfühlsamen Milieuschilderungen und der Darstellung des brodelnden Lebens inmitten großer Armut glänzt.

Mittags dann die letzte Aufführung im Berlinale-Palast: Außer Konkurrenz lief der große Hollywood-Disney-Märchenfilm "Cinderella" von Kenneth Branagh - und schloss damit einen Kreis, denn 1951 auf der ersten Berlinale hatte die Disney-Zeichentrickversion einen Goldenen Bären erhalten. Schon von der Einblendung des Disney-Firmenlogos wurde klar, dass Branagh hier selbstironisch den Zuckerguss-Faktor bis auf elf hochtreiben würde. Und so geschah es dann auch - den meisten Kritikern gefiel es. Die Szene, in der sich Cinderella's Kutsche samt Kutscher und Dienern wieder in einen Kürbis, eine Gans und in Mäuse zurückverwandelt, erhielt sogar Szenenapplaus. Und auch am Schluss gab es herzlichen Applaus für den Fantasy-Film.

"Ich freue mich, dass diese alte deutsche Geschichte durch die Berlinale quasi in sein Heimatland kommen darf", sagte Regisseur Branagh, der seine Stars Cate Blanchett, Helena Bonham-Carter, Lily James, Richard Madden und Stellan Skarsgard zur Pressekonferenz am Freitagnachmittag in Berlin mitgebracht hatte. "Es ist ein traditionelles Märchen, dem ich einen neuen Ton und ein neues Ambiete geben wollte. Cinderella modern, frisch und entstaubt zu zeigen, darum ging es mir", so der Brite.

Zum 19. und damit letzten Wettbewerbsbeitrag wurde dann ins Cinemaxx gebeten, wo die Ermüdungserscheinungen schon unübersehbar waren: Einige Pressevertreter schlummerten beim Einlass in ihren Sesseln...aber der japanische Vertreter "Ten no Chasuke" ("Chasuke's Journey") des Drehbuchautoren und Regisseurs Sabu revitalisierte die journalistische Zuschauerschar bei ihrer letzten "Pflichtlektüre" mit seinem überdrehten Tonfall recht schnell - schreckte aber auch ab durch seine unerwartet drastischen, ebenfalls überdrehten Gewaltdarstellungen. Die ältere Dame zum Beispiel, die eben noch über-herzlich gelacht hatte, schnaubte verächtlich und verließ dann den Saal. Aber auch hier am Ende Applaus.

Sabu hatte für den Film seinen eigenen Roman umgearbeitet. "Bis jetzt habe ich meine eigenen Drehbücher geschrieben, aber keinen Roman in ein Drehbuch umgewandelt. Es war nicht leicht. Im Roman gibt es so viele Charaktere, die ich im Film nicht alle aufnehmen konnte, was sehr schade war", so der 40-Jährige bei der Pressekonferenz am Freitagabend. "Ten no Chasuke" entstand in nur 20 Tagen am Wohnort des Regisseurs, der Präfektur Okinawa: "Diese engen Gassen hat man noch nie in einem japanischen Film gesehen", meinte der Filmemacher. Hauptdarsteller Ken'ichi Matsuyama, dessen zweite Zusammenarbeit mit Sabu dies gewesen ist, fand die Dreharbeiten "sehr entspannt. Mit Sabu zu drehen ist immer toll." Darstellerin Ito Ohno war von der minutiösen Vorbereitung der unter Zeitdruck stehenden Produktion - "normalerweise hat man 40 Tage", so Regisseur Sabu - "sehr beeindruckt".

Einen besonders ungewöhnlichen Beitrag gab es auch heute wieder im Forum zu sehen. Marcelo Pedroso's experimenteller Dokumentarfilm "Brasil S/A" verzichtet ganz auf Dialoge und lässt stattdessen lieber seine kraftvollen Bilder für sich sprechen. Der Film zeigt brasilianische Zuckerrohrschneider, die sich zur Rettung ihrer Nation in Astronauten verwandeln. Monumentale Bagger, die zu opulenter Orchestermusik Ballett tanzen. Brasiliens Nationalflagge, die hoch am Himmel über Wolkenkratzern weht. "Brasil S/A" feiert und demontiert zugleich Brasiliens unbedingten Fortschrittsglauben an die Verwirklichung einer in strahlenden Sonnenschein gebadeten Utopie.

Mit seinem starken Symbolismus und seinem Hang zum Surrealismus erinnert dieses Werk konzeptionell ein wenig an den russischen Wettbewerbsbeitrag "Under Electric Clouds". "Brasil S/A" ist jedoch erstens der interessantere, zweitens der zugänglichere und drittens mit einer Länge von nur gut einer Stunde auch der Film, der ein Wissen über die Begrenztheit seines eigenen Konzeptes besitzt. Gerade letzteres geht dem fast zweieinhalb Stunden langen russischen Langeweiler eindeutig ab.



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