VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Love, Theft and Other Entanglements
Love, Theft and Other Entanglements
© Palcine Productions

Berlinale-Tagebuch - Tag 2

Ein solider Start

Der Wettbewerb startet solide, ein echtes Highlight gibt es hingegen im Panorama

Der Wettbewerb beginnt am frühen Morgen mit einem außergewöhnlichen Beitrag aus dem Iran. Der Regisseur Jafar Panahi ist inkognito als Taxifahrer in Teheran unterwegs. Seine Fahrgäste filmt er mit einer, in das Amaturenbrett integrierten, schwenkbaren Kamera. So eröffnet sich ein sehr authentischer Einblick in die Gedanken und die Lebenswelt der Bewohner der persischen Metropole. Gleich zu Beginn äußert ein Mann, dass ein Dieb von Autoreifen "zur Abschreckung" die Todesstrafe erhalten solle. Eine ebenfalls im Auto sitzende Lehrerin findet diese Haltung hingegen unmöglich und gibt zu bedenken, dass man die Notlage solch eines Täters verstehen müsse. Sie wird von ihrem Gesprächspartner als eine weltfremde Träumerin abgeurteilt, die nur den ganze Tag lang Kindern Märchen vorlese. Bei diesen Taxifahrten zeigt sich auch das pralle Leben einer vitalen Metropole. Von der energischen kleinen Nichte des Filmemachers bis hin zu zwei Großmüttern mit Goldfischglas sind alle Fahrgäste sehr gesprächig und sehr lebhaft. So eröffnet "Taxi Teheran" mit geringsten Mitteln einen sehr oft amüsanten, häufiger überraschenden und manchmal auch erschreckenden Einblick in das Leben der Iraner.

Auch der zweite Wettbewerbsbeitrag spielt im Nahen Osten. Von seiner Art und seinem Tonfall her könnte Werner Herzogs opulentes US-Epos "Königin der Wüste" jedoch kaum unterschiedlicher sein. Der Film behandelt die Lebensgeschichte der 1868 geborenen Britin Gertrude Bell (Nicole Kidman). Die Historikerin, Schriftstellerin und Angehörige des britischen Geheimdienstes war entscheidend an der Weichenstellung für die politische Neuordnung des Nahen Ostens um 1920 beteiligt. Sie gilt unter den Beduiden bis heute als die einzige westliche Person, die deren Kultur wirklich verstanden hat. Wie der Titel "Queen of the Desert" bereits vermuten lässt, entwirft der Film kein differenziertes Portrait dieser starken und selbstbewussten Frau, sondern widmet sich der uneingeschränkten Heldenverehrung. Das Ergebnis fällt sehr zwiespältig aus: Atemberaubend schön und kraftvoll sind die zahlreichen Wüstenpanoramen im Breitwandformat. Technisch ist der Film absolut perfekt und Herzog gelingt es potentiell klischeebehafteten Bildern seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Leider kann das Drehbuch mit dieser künstlerischen Klasse nicht mithalten: Der Grundton ist sehr pathetisch, negative Seiten der Heldin und ihrer Männer werden entweder ganz ausgeblendet oder nur am Rande erwähnt. Die Liebesgeschichte mit dem von James Franco gespielten Diplomaten ist so kitschig, dass bei der Pressevorführung häufiger Gelächter aufkam.

Auf dieses geschichtsträchtige Epos folgte mit Andrew Haighs "45 Years" ein sehr intimes Portrait eines Paares, das kurz vor der Feier ihres 45-jährigen Hochzeitsjubiläums steht. Genau zu dieser Zeit ereilt Geoff (Tom Courtenay) die Nachricht, dass seine vor 50 Jahren in den Schweizer Alpen verunglückte Freundin jetzt als im Gletschereis eingefrorene makellos erhaltene Leiche gefunden wurde. Während Geoff immer mehr in der Erinnerung an die Vergangenheit versinkt, wächst bei seiner Frau Kate (Charlotte Rampling) die Eifersucht. Dieser britische Wettbewerbsbeitrag ist ein sehr feinfühliger Film und zugleich großes Schauspielerkino. Die Geschichte des alternden Ehepaars ist so berührend eingefangen, dass man als Zuschauer kräftig mit Geoff und Kate mitfiebert.

Zum Abschluss und zur Krönung dieses Tages gab es im Panorama einen dritten Beitrag über den Nahen Osten: Der palästinensische Film mit dem internationalen Titel "Love, Theft and Other Entanglements" begeisterte mit seiner Kreativität und seinem frischen Esprit. Man sieht der in Schwarzweiß gedrehten Low-Budget-Produktion einfach an, dass hier alle Beteiligten mit großem Engagement und Spaß bei der Sache waren. Der Film erzählt die Geschichte von Mousa (Sami Metwasi). Der in einem Flüchtlingscamp lebende Palästinenser pfeift auf die von seinem Vater mühsam erworbene Erlaubnis, legal im israelischen Teil Jerusalems zu arbeiten und verdient sich sein Geld lieber mit dem Stehlen israelischer Autos, die er an palästinensische Hehler verkauft. Außerdem pflegt der sympathische Tagedieb ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau. Noch komplizerter wird Mousas Leben, als er ausgerechnet ein Auto der palästinensischen Milizen klaut, das zudem im Kofferraum einen hochbrisanten Inhalt birgt. Bei dieser kleinen Indie-Produktion stimmt einfach alles: Der Film hat ein sehr durchdachtes und wendungsreiches Drehbuch und tolle Darsteller; die sorgfältig komponierten Schwarzweiß-Bilder sind zugleich schlicht und von großer Ausdrucksstärke. Der von den frühen Filmen von Jean-Luc Godard und Jim Jamusch beeinflusste wunderbar leichtfüßige Film gewinnt zusätzlich an Atmosphäre durch einen sehr originellen Jazz-lastigen Score. Dies ist ein starker Kandidat für den Publikumsfavoriten unter den im Panorama gezeigten Filmen.


Mit der Europapremiere des australischen Kinder- bzw. Jugendfilms "Paper Planes" wurde am Freitag auch der Wettbewerb der Jugendsparte 14plus der Kinder- und Jugendfilm-Sektion Generation eröffnet. Das feinfühlige Familiendrama um einen 10-Jährigen Halbwaisen, dessen Leidenschaft fürs Basteln von Papierfliegern sogar seinen depressiven Vater ansteckt, kam recht gut an - der zur Vorführung mit zwei seiner jungen Darsteller angereiste Regisseur Robert Connolly durfte sich über einigen Applaus freuen.
Noch um einiges besser kam allerdings "Im Sommer wohnt er unten", der Eröffnungsfilm der Sektion Perspektive Deutsches Kino, an. Der Film um zwei ungleiche Brüder, die im Ferienhaus der Eltern in Südfrankreich aufeinander prallen, überzeugt mit Humor, guten Darstellern und gelungenem Soundtrack. Entsprechend begeistert bedachte das Publikum das im Anschluss auf die Bühne gerufene deutsch-französische Film-Team um Regisseur Tom Sommerlatte.

Am zweiten Tag der Berlinale bestätigt sich mit dem im Panorama gezeigten palästinensischen "Love, Theft and other Entanglements" und dem Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino "Im Sommer wohnt er unten" erneut, dass die interessantesten Beiträge des Festivals oft in den Nebensektionen verborgen sind.



Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.