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Hail, Caesar!
Hail, Caesar!
© Universal Pictures International Germany

Kritik: Hail, Caesar! (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Hail, Caesar!" beginnt in einem Beichtstuhl. Hier offenbart Eddie Mannix (Josh Brolin), das seine letzte Beiche 24 Stunden her sei und er geraucht habe, obwohl er seine Ehefrau versprochen habe, dass er aufhören werde. An der Reaktion des Priesters ist zu hören, dass Eddie ein regelmäßiger Kirchgänger ist – aber diese Sünden sind Kleinigkeiten im Vergleich zu den Dingen, die Eddie in seinem Job macht. Eine Erzählstimme aus dem Off wird die Zuschauer mit ihnen vertraut machen, indem sie durch 27 Stunden in Eddies Leben führt. Im Hollywood der 1950er Jahre arbeitet er als "head of physical production" für Capitol Pictures Studios, für die einst auch Barton Fink in dem gleichnamigen Film der Coens tätig war. Eddie Mannix ist – wie einst ein Eddie Mannix tatsächlich für MGM – ein "Fixer" und kümmert sich darum, dass die Stars nur die Schlagzeilen machen, die zu ihrem Image passen, und die Dreharbeiten der vielen Filme ohne Probleme vonstattengehen. Also verhindert er, dass ein angetrunkenes Starlet freizügige Fotos von sich machen lässt, ein Team in Mexiko zu viele Drehtage verschwendet, weil es regnet, und der New Yorker Studioboss unzufrieden ist. Eddie ist erfolgreich in seinem Job, deshalb versucht das militärische Luftfahrunternehmen Lockheed ihn abzuwerben – an dem Tag, an dem Baird Whitlock (George Clooney) entführt wird, der Star der größten und wichtigsten Produktion des Studios, die auch "Hail, Caesar!" heißt und sehr an "Ben Hur" erinnert. Also muss der stets ruhige Eddie versuchen, Baird so schnell wie möglich zurückzubekommen, ohne dass die Klatschpresse in Person von Thora and Thessaly Thacker, beide verkörpert von Tilda Swinton, davon Wind bekommt.

Die Ausgangssituation und der Entführungsrahmen bieten den Regisseuren und Drehbuchautoren Joel und Ethan Coen insbesondere Anlass für eine Erzählung über das Hollywood der 1950er Jahre. Neben der Entführung muss sich Eddie noch mit der Schwangerschaft der nicht-verheirateten Badenixe DeeAnna Moran (Scarlett Johansson) herumschlagen, einen Imagewechsel für den musikalisch-akrobatischen Cowboy-Darsteller Hobbie Doyle (Alden Ehrenreich) einleiten, damit er in einer ernsthaften Produktion von Laurence Laurentz (Ralph Fiennes) mitwirken kann, und sicherstellen, dass gegen die Handlung von "Hail, Caesar!" – Whitlock spielt einen römischen Konsul, der zum christlichen Glauben bekehrt werden wird – keine Religionsgruppe Einwände erheben wird. In diesen Sequenzen liefert der Film zum einen wunderbare Parodien auf die klassischen Hollywood-Filmtypen des Badenixen-Films, Western und Melodrams. Sehr gelungen ist hier die Sequenz mit DeeAnn Morgan, die mit einer an Ester Williams "Million Dollar Mermaid" angelehnte Choreographie eröffnet – und in der sich dann herausstellt, dass DeeAnn alles andere als eine sanfte Nixe ist. Ohnehin sind die Musik-Musical-Szenen Glanzlichter des Films: Die Geldübergabe wird für eine Referenz u.a. an Gene Kelly genutzt, in der Burt Gurney alias Channing Tatum als Matrose singt und mit seinen Matrosenkollegen tanzt, wobei die Bewegungen weit darüber hinausgehen, was zu dieser Zeit erlaubt gewesen wäre. Durch solche Überhöhungen kratzt der Film immer wieder an der Hülle, die das weiße, heterosexuelle Hollywood zu gerne behalten wollte.

Zum anderen erlauben diese Sequenzen einen Blick hinter die Kulissen und erweitern damit das Thema. Die Filme die Coens verhandeln immer auch Glaubenssysteme und in einer sehr gelungenen Sequenz treffen hier nicht nur ein Rabbi, ein Priester, ein evangelischer Glaubensvertreter und griechisch-orthodoxer Priester aufeinander, um das Drehbuch des fiktiven "Hail, Caesar!" zu diskutieren, sondern es wird zunehmend deutlich, dass in dem Coen-"Hail, Caesar!" auch Hollywood-System als eine Religion gesehen wird. Als sich dann herausstellt, dass Baird von Hollywood-Kommunisten entführt wurde – natürlich Drehbuchautoren –, die ihren Anteil haben wollen, setzen die Coens nicht einfach Kapitalismus als Gegenglaube dagegen, sondern die Machinerie Hollywood, die sie bei allen profitorientierten, absolutistischen Tendenzen doch niemals ganz verteufeln.

Joel und Ethan Coen wissen, wie eine gute Satire funktioniert, und deshalb gelingt es ihnen auch, das weiße, heterosexuelle Hollywood der frühen 1950er Jahre besser, origineller und lebendiger zu gestalten als es beispielsweise "Trumbo" gelungen ist. Sie setzen nicht auf optische Ähnlichkeit, sondern auf Gesten und Motive. Es finden sich von Loretta Young ber Herbert Marcuse bis zu Hedda Hopper zahlreise Anspielungen in ihrem Film, sogar die aufkommende Kommunisten-Paranoia ist – wenngleich etwas zu dezent – zu spüren. Eigentlich fehlt nur ein wenig Film noir. Vielleicht sollen Eddies Leben oder die Entführungsstory diesen Anteil bereitstellen, jedoch erweist sich ausgerechnet dieser Handlungsstrang, der alles verbinden soll, als zu schwach. Deshalb überzeugt "Hail, Caesar!" in seinen Elementen und einzelnen Sequenzen weitaus mehr als als Gesamtwerk.

Fazit: "Hail, Caesar!" ist ein gelungener Film voller Hollywood-Pastiches und Parodien, der trotz Längen gut unterhält.





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