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Kritik: Moonlight (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Ganz ohne Übertreibung lässt sich sagen und schreiben, dass "Moonlight" eine Sensation ist. Der Film von Barry Jenkins basiert auf einer von Tarell Alvin McCraney verfassten, bis dato nicht aufgeführten Projektarbeit an einer Schauspielschule mit dem Titel "In Moonlight Black Boys Look Blue". Die Geschichte ist einerseits sehr persönlich – sowohl Jenkins als auch McCraney wuchsen in Miamis Wohnbezirk Liberty City auf, der als Schauplatz dient –, und andererseits erstaunlich universell. In drei Kapiteln ("Little", "Chiron" und "Black") wird auf äußerst prägnante Weise eine Coming-of-Age-Story vom zehnten Lebensjahr bis in die frühen Dreißiger geschildert – und dabei ein Milieu, insbesondere die darin existierenden Vorstellungen von Identität und Männlichkeit, mit viel Feingefühl und scharfer Beobachtungsgabe eingefangen. Das kinematografische Triptychon ist in all seiner Wucht und Zärtlichkeit, seinem Zorn und Mut ein unschätzbar wichtiger Beitrag für das Black Cinema und das Queer Cinema.

"Moonlight" erhielt drei Oscars sowie (bisher) rund 180 weitere Auszeichnungen – und es müssten eigentlich noch deutlich mehr sein! Denn alles an diesem Werk gehört zweifelsohne zum Besten, was man bei einem Kinobesuch erwarten darf. Der Kameramann James Laxton bringt in seinen berückenden Cinemascope-Aufnahmen die Gesichter des Ensembles zum Leuchten und zeigt die urbane Kulisse in überraschend-ungewöhnlichen Bildern. Gekonnt werden Unschärfen eingesetzt; hinzu kommt eine faszinierende Farbgebung sowie der großartige, experimentelle Score des Komponisten Nicholas Britell im Chopped-and-Screwed-Stil.

Nicht zuletzt bietet Jenkins' Schöpfung (und McCraneys Vorlage) ein extrem differenziert gestaltetes Personal. In einem schlechteren Drehbuch wären Figuren wie Paula oder Juan wohl tatsächlich nicht mehr als "die drogensüchtige Mutter" oder "der Drogendealer". In "Moonlight" werden sie hingegen als Menschen, als vielschichtige Wesen sichtbar. Dies liegt zum einen an den Dialogen und der szenischen Umsetzung – und zum anderen an den durchweg hervorragenden Interpret_innen. Mahershala Ali (bisher vor allem bekannt aus der Netflix-Serie "House of Cards") verleiht Juan sowohl Härte als auch Güte, sowohl Tragik als auch Humor. Ebenso gelingt es der R&B-Künstlerin und Schauspielerin Janelle Monáe ("Hidden Figures") als Juans Freundin, in wenigen Passagen ein Leben und eine rundum glaubwürdige Figur auf die Leinwand zu bringen. Nicht minder eindrücklich ist Naomie Harris ("James Bond 007 – Spectre"), die als alleinerziehende Mutter in die Crack-Abhängigkeit abrutscht: Die Britin lässt den Egoismus, der mit der Sucht einhergeht, erkennen – und wird dabei nie zum monströsen Klischee. Der Kinderdarsteller Alex Hibbert agiert ausdrucksstark; im gleichen Maße wunderbar ist Ashton Sanders als Teenager-Version der Rolle, der in einer Strand-Sequenz mit seinem Co-Star Jharrel Jerome eine überaus einnehmende Intimität erzeugt, die sich auch zwischen Trevante Rhodes und André Holland ("The Knick") im dritten Teil der Handlung in den Erwachsenen-Parts einstellt.

Fazit: Jedes Bild ist ein beherztes Statement – und zugleich von unbeschreiblicher Schönheit. Ein unzweifelhaftes filmisches Meisterwerk, sowohl in der Ästhetik als auch in der Dramaturgie und im Schauspiel. Kurzum: einzigartig!





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