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American Hustle
American Hustle
© Tobis Film

Kritik: American Hustle (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit "American Hustle" erzählt David O. Russell nach "The Fighter" und "Silver Linings Playbook" abermals eine Geschichte von Menschen, die sich selbst neu erfinden wollen und auch müssen. Im Mittelpunkt steht das betrügerische Paar Irving und Sydney, dessen große Liebe zueinander offensichtlich und wohl das einzig Wirkliche in diesem Film ist. Jedoch gibt es Schwierigkeiten: Irving ist mit der labilen, jungen Rosalyn (Jennifer Lawrence) verheiratet und fühlt sich insbesondere ihrem Sohn verpflichtet, den er adoptiert hat. Deshalb weigert er sich, mit Sydney einfach abzuhauen – und so hat sie der überambitionierte FBI-Agent DiMaso am Haken. Mit ihm verstricken sie sich in eine immer größere werdende Geschichte, in der jeder jeden zu hintergehen versucht.

Ausgangspunkt des Films ist der Abscam-Skandal – eine zweifelhafte FBI-Untersuchung, die zur Verhaftung von sechs Kongressmännern und einem Senator führte –, über den Eric Warren Singer ein Drehbuch geschrieben hat, das lange als nicht zu verfilmen galt. Erst als David O. Russell vorschlug, die politischen Aspekte zu reduzieren, und sich stattdessen auf die persönlichen Momente der Geschichte zu konzentrieren, fand es seinen Weg auf die Leinwand. Tatsächlich spielt der Skandal kaum eine Rolle, er ist lediglich eine Randnotiz in diesem überdrehten Trickbetrügerstück, in dem man niemals weiß, wem man vertrauen soll. Bereits der Anfang wird sowohl von Irving als auch Sydney erzählt, so dass hier schon deutlich wird, dass es immer noch eine Geschichte hinter der Geschichte gibt. Oder wie Irving betont: Es kommt stets darauf an, was man sehen und glauben will.

Der Einstieg und die erste Hälfte des Films machen Spaß. Abermals hat David O. Russell eine beeindruckende Besetzung in seinem Film versammelt. Insbesondere Amy Adams ist hinreißend als Sydney, die zur englischen Betty wird – und im Grunde ihres Herzens eine gerissene Romantikerin ist. Sie harmoniert sowohl mit Christian Bale, der weite Strecken des Films angenehm zurückhaltend agiert, als auch Bradley Cooper, der als unsympathisch-ambitionierter FBI-Agent nicht nur ungeniert ein Travolta-Gedächtnis-Outfit und Dauerwelle trägt, sondern seinem Charme eine deutlich schmierige Note beimischt. Auch Jennifer Lawrence lässt in jeder Szene ihr Talent für komisches Timing und den instinktiven Wechsel in Stimmungen erkennen. Sie ist ebenso nervtötend wie unwiderstehlich – und dadurch wird verständlich, warum sich Irving von ihr nicht lossagen kann (wenngleich sie ein wenig jung für die Rolle ist). In kleineren Rollen überzeugen unter anderem Jeremy Renner, Michael Pena und Louis C.K.. Mühelos gelingt es dem Film zudem, das Zeitgefühl der späten 1970er Jahre einzufangen. Die Kostüme, die Haare und vor allem die großartige Musik verleihen dem Film viel Atmosphäre. Daneben gibt es viele gute Einfälle – ein toller Cameo-Auftritt, der am besten eine Überraschung bleibt, eine eindrucksvolle Tanzszene mit Amy Adams und Bradley Cooper, Jennifer Lawrences Monolog über Nagellack – und alles ist bewusst übertrieben inszeniert.

Jedoch gibt es auch viele missglückte Szenen. Dazu gehören beispielsweise eine Gesangseinlage von Jennifer Lawrence – oder auch das Ende. Zudem können die positiven Momente nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Film der nötige Schwung fehlt, so dass sich mit zunehmendem Verlauf Langeweile einstellt. Die beständigen Betrügereien wiederholen sich, aber die Spirale zieht nicht genug an, auch suggerieren die Bilder oftmals mehr Tempo als der Film letztlich hat. Ihm fehlen die Leichtigkeit von "Silver Linings" und die Authentizität von "The Fighter", stattdessen ist "American Hustle" ein Film, der vor allem seinen Schauspielern die Gelegenheit gibt, ihr Können zu zeigen und darüber seinen Plot vernachlässigt. Deshalb gibt es in diesem Film keine Helden und Bösewichter, keine guten und schlechten Menschen, sondern schlichtweg die verschiedensten zwischenmenschlichen Konstellationen, in denen die jeweiligen Figuren – und Schauspieler – unterschiedliche Facetten zeigen können. Dadurch blitzt die dunkle Seite der USA, die doch gerade in der Botschaft steckt, dass letztlich die großen Betrüger niemals gefasst werden, zwar kurz auf, aber Drehbuch und Regie verpassen mehrere Gelegenheiten, den Ton des Films zu verändern. Deshalb bleibt vom verrotteten Kern der Geschichte lediglich die Assoziation mit dem Geruch eines Nagellacks. Und das ist angesichts der hier versammelten Talente zu wenig.

Fazit: "American Hustle" ist ein Film voller guter Schauspieler, die über die Schwächen der Story nicht über eine Dauer von 138 Minuten hinwegtäuschen können.





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