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Steve Jobs
Steve Jobs
© Universal Pictures International Germany

Kritik: Steve Jobs (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Bescheidenheit zählte nicht zu Steve Jobs' Stärken. Schließlich war es das erklärte Ziel des Computergurus, mit seinen Produkten eine Kerbe im Universum zu hinterlassen. Jobs' herablassende Art gegenüber Mitmenschen ist nicht zum ersten Mal das Thema eines Spielfilms. Zuletzt gab Ashton Kutcher den unbequemen Querdenker im zutiefst konventionellen und dementsprechend langweiligen Biopic "Jobs" (2013).

Langweilig wird es in "Steve Jobs" hingegen keine einzige Minute. Denn Regisseur Danny Boyle ("Trainspotting", "Slumdog Millionär") und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin ("The West Wing", "The Social Network") schlagen einen anderen Weg ein. Dass Hauptdarsteller Michael Fassbender Jobs kein bisschen ähnlich sieht, spielt für ihren Film keine Rolle. Es ist vielmehr Teil des unkonventionellen Konzepts. Sorkin hat Jobs' Leben als temporeiches Kammerspiel angelegt, in dem der Computerguru den Schurken mimt. Mit Walter Isaacsons Biografie, die Sorkin als Grundlage diente, hat das nicht mehr viel zu tun. Anstatt das Leben des Protagonisten ganz klassisch chronologisch abzuschreiten, verdichtet Sorkin es in drei Akten. Seine ausgefeilten Dialoge transportieren Jobs' Familien- und Firmengeschichte komprimiert. Kurze Rückblenden führen von gegenwärtigen zu vergangenen Gesprächen, die sich auf den beiden Zeitebenen scheinbar ergänzen.

Sorkins Drehbuch ist gewagt, zumal die Figuren von Akt zu Akt nicht wechseln und so die Konstruktion der Handlung offenlegen. Es ist schlicht unglaubwürdig, dass Steve Jobs bei drei verschiedenen Produkteinführungen stets auf dieselben Menschen trifft, um seine beruflichen und privaten Fehden fortzuführen. Dank Danny Boyles Regie funktioniert aber auch das.

Zum einen führt Boyle sein Ensemble an der lockeren Leine, was ihm seine Darsteller mit Spielfreude zurückzahlen. Michael Fassbender brilliert ein weiteres Mal als Unsympath. So bescheiden sich der Apple-Mitgründer bei den Präsentationen neuer Computer auf der Bühne auch gibt, hinter den Kulissen lässt er alle Zurückhaltung fahren. Statt zu lächeln, fletscht er die Zähne. Seine Ideen setzt er kompromis- und rücksichtslos durch. Ein Getriebener, der äußerlich wie innerlich nur selten stillsteht. Fassbender verkörpert diesen kühl kalkulierenden Kontrollfreak bravourös. Blitzschnell wechselt er zwischen bewundernswertem Intellekt und ätzender Überheblichkeit. Da verzeiht man es Sorkin auch, dass seine Figurenpsychologie manchmal zu kurz greift.
Zum anderen macht Boyle aus Sorkins Dreiakter ein ausgesprochen filmisches Erlebnis. Wechselndes Filmmaterial, ungewohnte Einstellungen und viel Dynamik bei Kamera und Schnitt verleihen dem Drama bei aller Nähe zum Theater die nötige cineastische Wucht.

Fazit: Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Aaron Sorkin dekonstruieren in ihrem Drama nicht nur den Mythos Steve Jobs, sondern auch das klassische Biopic. Mit cineastischer Wucht, ausgefeilten Dialogen und top-aufgelegten Darstellern bietet "Steve Jobs" sowohl kraftvolles visuelles als auch erstklassiges Schauspielerkino. Wer sich an der unglaubwürdigen Ausgangskonstellation stört oder einen Film über die Geschichte eines Computerkonzerns erhofft, ist hier allerdings falsch.




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