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Kritik: Jojo Rabbit (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

An Komödien über den Nationalsozialismus scheiden sich die Geister. Darf gelacht werden, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt? Jerry Lewis entschied sich dagegen und hielt seinen Film "The Day the Clown Cried" (1972) zeitlebens unter Verschluss. Während eine Tragikomödie wie Roberto Benignis "Das Leben ist schön" (1997) preisgekrönt, aber bei der Kritik höchst umstritten und eine Satire wie Dani Levys "Mein Führer" (2007) kapital gescheitert ist, zählen Charlie Chaplins "Der große Diktator" (1940) und Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" (1942) fraglos zu den bedeutendsten Werken der Filmgeschichte.

Nun wagt sich also auch Taika Waititi an dieses heikle Thema – und spielt Adolf Hitler gleich selbst. Auf den ersten Blick wirkt das befremdlich. Immerhin hat der Neuseeländer, der zuletzt Comic-Held Thor ein quietschbuntes Update verpasste, seinem Publikum bislang ausschließlich leichte Kost serviert. In Filmen wie "Boy" (2010), "5 Zimmer Küche Sarg" (2014) oder "Wo die wilden Menschen jagen" (2016) bewies Waititi allerdings sein großes Talent fürs Zwischenmenschliche und einen feinfühligen Umgang mit Nachwuchsdarstellern. Das gelingt ihm abermals grandios. "Jojo Rabbit" ist voll liebevoller Momente. Kleine humane Inseln in einem Meer aus Unmenschlichkeit. Als Sohn eines Maori und einer Jüdin versteht er seine Rolle vor der Kamera zudem als Kampfansage an alle Rassisten.

Schon 2012 hatte Waititi das Drehbuch für "Jojo Rabbit" fertig, das in der Branche seither heiß gehandelt wurde. Es basiert auf dem Roman "Caging Skies" der neuseeländisch-belgischen Schriftstellerin Christine Leunens. Waititi hat die Vorlage in eine kunterbunte Gagparade voller Wortwitz, Slapstick, Körper- und Situationskomik überführt. Die an Wahn und Zwangsneurosen grenzende Obrigkeitshörigkeit der Faschisten löst er in einer irren Szene auf, in der die handelnden Figuren innerhalb einer Minute 31-mal den Arm zum Hitlergruß recken. Und die Rassentheorie führt er in den Gesprächen und Gedankengängen seiner Hauptfigur ad absurdum. Durch die Augen eines Kindes sticht die Perfidität der Täter umso stärker ins Auge. Aber auch die Verführbarkeit der Jugend wird mit beiläufiger Leichtigkeit offengelegt.

Roman Griffin Davis liefert als am System zweifelnder Hitler-Junge eine beachtliche Leistung ab; ebenso Thomasin McKenzie, obwohl sie viele ihrer Passagen etwas zu exaltiert haucht. Stephen Merchant hat als Gestapo-Mann den einprägsamsten Kurzauftritt. Und Sam Rockwell spielt seinen Hauptmann mit umwerfendem Zaudern. Das Herz dieses Films ist jedoch Scarlett Johansson, die mit der perfekten Mischung aus "Mutter Courage", Mutterwitz und Mutterliebe brilliert – besonders in jener Szene, in der sie ihrem Sohn im spielerischen Wechsel nicht nur die fürsorgende Mutter, sondern auch den vermissten Vater gibt. In Momenten wie diesen beweist Waititi, dass er mehr als nur ein lustiger Zeitgenosse voll schrulliger Einfälle ist. Seine Inszenierung ist subtil und klug. Wenig später reicht ihm der Blick auf ein Detail, um das Grauen begreifbar zu machen.

Bei der internationalen Kritik stieß "Jojo Rabbit" auf ähnlich gemischte Reaktion wie seinerzeit "Das Leben ist schön". Bei den Zuschauern kommt er gut an. Beim Filmfestival in Toronto gab es den Publikumspreis. Und die Oscar-Academy bedachte die Kriegssatire mit sechs Nominierungen. Zu einem echten Klassiker wie "Der große Diktator" und "Sein oder Nichtsein" wird dieser Film trotzdem nicht werden. Dafür erinnert die Handlung stets einen Tick zu sehr an eine Sketch-Parade denn an eine geschlossene Geschichte. Und dafür wechselt die Tonlage im letzten Akt zweimal viel zu abrupt.

Fazit: Ein gutes Stück vom Klassikerstatus entfernt und nicht rundum gelungen, bietet Taika Waititis Weltkriegssatire dennoch ausreichend Anlass für Gelächter und zum Nachdenken. In seinen stärksten Momenten zieht "Jojo Rabbit" rassistische und faschistische Menschenbilder genüsslich durch den Kakao und führt deren Haltlosigkeit vor Augen. Das ganze Ausmaß der Nazi-Gräuel spart der Film allerdings aus. Dennoch ein gelungenes Plädoyer für mehr Menschlichkeit und eine couragierte Kampfansage an Hass und Diskriminierung.




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