VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Everest
Everest
© Universal Pictures International Germany

Kritik: Everest (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Nachdem er bereits 2012 in "The Deep" ein auf Tatsachen basierendes Unglück in einem Spielfilm nachzeichnete, setzt Regisseur Baltasar Kormákur mit "Everest" eine weitere Tragödie in Szene, die sich wirklich zugetragen hat. 1996 wurden die Teilnehmer mehrerer kommerzieller Bergexpeditionen von einem Wetterumschwung überrascht, der die bis dato schlimmste Katastrophe am höchsten Gipfel der Erde herbeiführte. Ein Ereignis, das weltweite Beachtung fand, auch dank umfassender Erlebnisberichte wie Jon Krakauers Bestseller "In eisige Höhen".

Kormákur und seine Drehbuchautoren William Nicholson und Simon Beaufoy konzentrieren sich bei ihrer Rekonstruktion vor allem auf die Gruppe rund um den erfahrenen Bergsteiger Rob Hall (Jason Clarke), der mit seinem Unternehmen "Adventure Consultants" Amateure für den Sturm auf die Spitze des Everest fit macht. Geprägt ist die erste Filmhälfte von diversen Trainingsunternehmungen, in denen sich die Teilnehmer – darunter der Journalist Jon Krakauer (Michael Kelly), der Postbote Doug Hansen (John Hawkes) und der Pathologe Beck Weathers (Josh Brolin) – langsam an die beschwerlichen Bedingungen am Berg gewöhnen. Allzu viel Profil erhalten die Figuren dabei allerdings nicht, sondern werden zumeist auf wenige hervorstechende Eigenschaften reduziert.

Emotional hält sich "Everest", der 2015 die Filmfestspiele von Venedig eröffnete, zunächst deutlich zurück, auch wenn die Gespräche zwischen Rob und seiner schwangeren Frau Jan (Keira Knightley) bzw. zwischen Beck und seiner Gattin Peach (leider verschenkt: Robin Wright) einige Zwischenräume füllen. Ganz anders sieht es freilich dann aus, als die Katastrophe über die Expeditionen hereinbricht. Leib und Leben stehen plötzlich auf dem Spiel. Und der Film springt fortan zwischen den bedrohlichen Szenen am Berg, einem tiefer gelegenen Camp und Telefonaten mit den Daheimgebliebenen hin und her. Obwohl der Zuschauer zu vielen Personen keine ernsthafte Bindung aufbauen konnte, wird er nun in den zunehmend dramatischen Handlungssog hineingezogen, der erst im etwas schlampig hingehuschten Finale nachlässt.

Eindrucksvoll und beklemmend zugleich sind die majestätischen 3D-Bilder vom Everest und seiner Umgebung (gedreht wurde auch in den Alpen), die den ungleichen Kampf zwischen Mensch und Natur im Kinoraum physisch spürbar werden lassen. Schade ist vor diesem Hintergrund allerdings, dass die Macher die Bruchstellen und Ambivalenzen der realen Ereignisse häufig nur anschneiden, anstatt sie eingehender zu beleuchten. Die durchaus problematische Konkurrenzsituation im Lager – verschiedene kommerzielle Expeditionen wollen ihre Kunden auf den Gipfel bringen – kommt allenfalls sporadisch zum Ausdruck, da die Macher darauf bedacht sind, allzu kritische Aussagen zu vermeiden. Spannende Aspekte wie der ausufernde Bergtourismus, der Hochmut einiger Amateur-Bergsteiger und diskutable Entscheidungen der Führungskräfte treten im Angesicht des Überlebenskampfes in den Hintergrund, sodass "Everest" in erster Linie als bildgewaltiges Abenteuerkino in Erinnerung bleiben dürfte. Die Katastrophe an sich ist jedenfalls deutlich komplexer und vielschichtiger, als sie das Bergsteigerdrama darstellt.

Fazit: Atemberaubende Bergpanoramen und ein effektiver Handlungssog treffen in Baltasar Kormákurs Katastrophenfilm auf eine eher flache Figurenzeichnung und halbherzige Bemühungen, das geschilderte Unglück in all seiner Tragweite begreifbar zu machen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.