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Kritik: Aus dem Nichts (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Fatih Akins beklemmender Thriller, der für Deutschland ins Oscarrennen geht, ist inspiriert von der Mordserie des NSU, der zehn Menschen zum Opfer fielen und die erst Jahre später aufgedeckt wurde. Die Polizei hatte lange im Umfeld der hauptsächlich türkischstämmigen Opfer selbst ermittelt, statt ihren Verdacht auf Neonazis zu richten. Dafür mussten sich die Behörden den Vorwurf der Blindheit auf dem rechten Auge gefallen lassen. Der Hamburger Filmemacher Fatih Akin bezeichnet die fiktive Hauptfigur Katja als sein Alter Ego. An dieser Deutschen führt die Geschichte exemplarisch vor, wie das Vertrauen vieler Bürger türkischer Herkunft, nicht nur der NSU-Opfer oder ihrer Angehörigen, in die Ermittlungsbehörden erschüttert wurde.

Aber Katjas Pein wird in der Geschichte aus der Feder der Drehbuchautoren Akin und Hark Bohm auch noch vom Gerichtsprozess und seinem Ausgang befeuert. Der Film führt auf drastische Weise vor, dass juristisches Tauziehen dem menschlichen Rechtsempfinden zuwiderlaufen kann. Der von Johannes Krisch gespielte Verteidiger nimmt die Zeugin Katja wegen Drogenkonsums ins Verhör, um ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Akin sorgt für Realitätsnähe, indem er Nuri und Katja nicht zu weltfremd braven Menschen stilisiert, sondern ihnen eine eigene Vita zugesteht.

Diane Kruger, die für ihre erste Rolle in einem deutschen Film den Preis der besten Darstellerin in Cannes bekam, spielt die starke, aber auch verletzliche Katja völlig unglamourös als Frau von nebenan. Die beiden Täter schweigen und zeigen keine Reue. Im Gerichtssaal ist Katjas Gesicht der emotionale Maßstab, den sich der Film zu eigen macht. Die visuelle Gestaltung samt Kameraführung stellt sich ganz in den Dienst der Gefühlsebene. Die Unschärfen, die Untersicht, aus der der Verteidiger gefilmt wird, aber auch die kalte Architektur des Gerichtssaals betonen den Albtraumcharakter dieser Geschichte.

Akins Filmkunst ist wuchtig und plakativ, durch Verdichtung erzeugt sie eine Energie von hoher dynamischer Kraft. Sie lässt das Echo vernehmen, dass Taten wie diese in der Psyche von Menschen anrichten. Es geht ihr nicht um die Analyse institutioneller Fremdenfeindlichkeit oder gar der Nazi-Verblendung der Täter. Die schlimme Wirklichkeit lässt sich nur bruchstückhaft in die Form eines Spielfilms gießen, wohl schon deswegen zielt diese Annäherung direkt aufs Herz.

Fazit: Fatih Akin und sein Co-Autor Hark Bohm spüren in diesem verdichtet und exemplarisch erzählenden Thriller dem Trauma nach, das ein an die NSU-Morde erinnernder Anschlag, die einseitigen polizeilichen Ermittlungen und der Gerichtsprozess einer Frau zufügen, die Mann und Kind verloren hat. Diane Krugers unprätentiöse Darstellung der jungen Deutschen, die frühzeitig ahnt, dass Neonazis ihren Mann wegen seiner türkischen Abstammung ins Visier nahmen, kontrastiert mit der kunstvollen, wuchtigen Dramaturgie, die aus Gefühlen Bilder formt. Der beklemmende Sog dieses Films wirkt über sein Ende hinaus nach.




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