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Kritik: Creed II - Rocky's Legacy (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Rockys Vermächtnis" (so die wörtliche Übersetzung des Untertitels) lebt fort. Dabei erstreckte sich schon die ursprüngliche Filmreihe um den Amateur Rocky Balboa (Sylvester Stallone), der sich aus ärmsten Verhältnissen nach oben boxt, über zu viele Teile. Mindestens drei Streifen zu spät war 1990 nach "Rocky V" erstmals Schluss, bevor Stallone die Rolle 2006 wieder ausgrub und für die schlicht "Rocky Balboa" betitelte Wiederbelebung noch einmal die Boxhandschuhe schnürte. Vor vier Jahren folgte mit "Creed: Rocky's Legacy" (2015) ein erster Ableger, bei dem sich Stallone klugerweise aufs Trainieren seines Schützlings Adonis Johnson (Michael B. Jordan) beschränkte.

Auch wenn Regisseur und Koautor Ryan Coogler für "Creed" wenig einfallsreich den allerersten "Rocky"-Teil einfach durch den Drehbuchmixer jagte, hatte sein Film einen entscheidenden Mehrwert: Endlich erzählte ein (großbudgetierter) Boxfilm seine Geschichte aus der Perspektive eines schwarzen Charakters. Bis auf wenige Ausnahmen – aus der jüngeren Vergangenheit kommen einem "Ali" (2001) oder "Hurricane" (1999) in den Sinn – boxten sich vornehmlich weiße Helden durch und ganz nach oben. Schwarze stiegen allenfalls als ihre Kontrahenten in den Ring. Ein schräges Bild, das die Realität im Boxsport völlig verzerrt widerspiegelt.

Coogler, der in der Zwischenzeit den Megahit "Black Panther" (2018) landete, zeichnet bei der Fortsetzung nur noch als Produzent verantwortlich. Die Regie trat er an Steven Caple Jr. ab, der bislang hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitete. Das Drehbuch übernahmen Sylvester Stallone und Juel Taylor nach einer Story von Cheo Hodari und Sascha Penn. Leider fällt dem Quartett erneut nicht viel mehr ein, als alte "Rocky"-Teile, allen voran den Kalten Krieg aus "Rocky IV" (1985), wieder aufzuwärmen. Die Handlung folgt dem erwartbaren, für Sportfilme typischen Schema von Aufstieg, Absturz und Wiederaufstieg. Immerhin streuen die Autoren viele Anspielungen und Variationen (bis hin zu Donnies Vorbereitung), einige witzige Einfälle und Überraschungen ein. Abseits all des Kampfgetöses beweist "Creed II" Humor. Die Chemie zwischen Michael B. Jordan, Sylvester Stallone und Tessa Thompson stimmt auch dieses Mal.

Die Figurenzeichnung der Gegenseite ist indes eindimensional. Von der Propaganda des vierten Teils ist "Creed II" zwar ein gutes Stück entfernt, hantiert aber ebenso ungelenk mit Klischees und Stereotypen. Ivan Drago (Dolph Lundgren) und dessen Sohn Viktor (Florian Munteanu), der bis zu seinem ersten Aufeinandertreffen mit Donnie kein Wort spricht, hausen im Plattenbau und stählen sich auf der Baustelle. Anstatt seinen Sohn zu ermutigen, stachelt Ivan Viktor mit Beleidigungen und Demütigungen an. Und zu allem Überfluss hat dieser Bär von einem Mann auch noch einen (negativen) Mutterkomplex. Dieser Drehbuchkniff ist ebenso durchsichtig wie dürftig. Nach seinem Höhenflug ist im zweiten Teil nicht länger Donnie, sondern Viktor der Underdog. Doch dessen Plumpheit und jede Menge menschelnde Momente aufseiten Donnies verhindern, dass sich das Publikum auf die Seite dieses geprügelten Hundes schlägt.

"Creed II" krankt aber noch an einem ganz anderen Phänomen, das man die Fortsetzungsseuche nennen könnte. Das Publikum kennt die Figuren, und die Figuren kennen einander. Der nassforsche Charme, mit dem sich Donnie in Rockys Herz und in die Herzen der Zuschauer gestohlen hat, ist verflogen. An die Stelle der Unbekümmertheit tritt die Verantwortung für Donnies im Entstehen begriffene Familie. Das Neue und Frische aus Teil eins weicht der Routine. Diese zeigt sich auch filmtechnisch. Mit den luxuriösen Hotelzimmern und Appartments, mit dem gewachsenen Medienrummel und den gigantischen Einlaufzeremonien wachsen auch die Bilder. Alles glitzert ein wenig mehr, nur die Kämpfe selbst und deren Choreografien schillern deutlich weniger. An Maryse Albertis agile Steadicam, die längere Schlagkombinationen ungeschnitten in den Kinosaal transportierte und dadurch eine unglaubliche Dynamik erzeugte, reicht Kramer Morgenthaus solide Kameraarbeit in Teil zwei nicht heran.

Fazit: "Creed II: Rocky's Legacy" bietet sowohl Neueinsteigern als auch Langzeitfans, die sich auf ein Wiedersehen mit einigen alten Charakteren freuen, solide Unterhaltung. Die Schauspieler überzeugen abermals, die Choreografie der Kämpfe und die erwartbare, teils arg klischierte Handlung können mit dem ersten Teil allerdings nicht Schritt halten.




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