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Berlinale Schlange vor dem Kassenhäuschen
Berlinale Schlange vor dem Kassenhäuschen

Berlinale 2017 Tagebuch: Tag 4

Ansitzen im Kassenbereich

Sonntagmorgen 8.30 Uhr. Wer nicht Brötchen holen geht, dreht sich noch einmal im Bett auf die Seite. Aber am Potsdamer Platz gehen die Uhren anders. Hier gibt es vor den Berlinale-Kassenhäuschen Szenen, wie man sie beim Kartenverkauf von Pop- und Rockkonzerten oder vor Fußballspielen kennt. Hier sitzen die Damen und Herren lesend auf dem Boden, stehen an und haben ihre Camping-Stühle mitgebracht, um die Wartezeit bis zum Kartenverkauf zu überbrücken. Die Berlinale zieht, keine Frage.

Dazu trägt vielleicht auch bei, dass die Festivalleitung in diesem Jahr einige publikumsfreundliche Spielfilme in den Wettbewerb geladen hat, die gerade am vierten Tag die Freunde hoher Programmkinokunst eher verärgert haben mögen. Der polnische Kriminalfilm "Pokot" ("Fährte") von Agnieszka Holland und das britische Drama "Viceroy's House" mit Hugh Bonneville sind auf jeden Fall breitentauglich.

"Pokot" ist im Grunde genommen ein Kriminalfilm, aber wie die polnische Regisseurin in der Pressekonferenz schildert, könnte man auch von einer Schwarzen Komödie oder einem Psychodrama oder Märchen sprechen. "Es war schwierig, Finanziers für diesen Film zu finden, weil er so schwer zu klassifizieren ist", so Holland, und die gesamte Fertigstellungszeit habe vier Jahre betragen. Gerade die schwimmende Genre-Klassifizierung macht "Pokot" zu einem zwar nicht durchgängig gelungenen Werk, aber auch in jedem Fall einen das Festival belebenden. Wann gab es hier schon mal einen Krimi zu sehen? Manchen Puristen war das zu viel, in der morgendlichen Pressevorführung im Berlinale-Palast gab es Buh-Rufe, möglicherweise auch wegen der nicht ganz unproblematischen Botschaft, dass es schon in Ordnung ist, Menschen zu ermorden, die kein Problem damit haben, Tiere zu töten. Aber auch Applaus war zu vernehmen.

Vielleicht hätten manche Gralshüter der reinen Programmkinolehre auch gerne bei der Mittagspressevorführung von "Vicerory's House" ihren Unmut kund getan, insbesondere wenn ein Drama eine solche Schema F-Liebesgeschichte präsentiert, ohne welche die britische Produktion auch gut hätte auskommen können. Aber alle potentiellen Kritiker wurden durch die letzte Texttafel entwaffnet, welche verkündete, dass die englische Regisseurin Gurinder Chadha ("Bend It Like Beckham") mit indischen Wurzeln die Enkelin einer der Frauen ist, die von den Geschehnissen des Films betroffen war.

"Viceroy's House" erzählt eine historische Geschichte, die mit ihren Themen des Bürgerkriegs, der Religionskriege, der Vertreibungen, der Flüchtlinge, der Massaker und der Verantwortung der westlichen Welt allzu aktuell ist und deshalb Resonanz findet, wenn sie auch als Filmkunstwerk keine neuen Wege einschlägt und recht hochglanz-poliert daher kommt. Neben "Trainspotting 2" ist dies der wohl bisher kommerziell kompatibelste Streifen im Wettbewerb, und es wundert nicht, dass er außer Konkurrenz läuft.

Unsere Kollegin Julia Nieder kämpfte heute tapfer mit ihrer Erkältung, die ihr nur zu Beginn der Vorstellung von "Una mujer fantástica" im Cinemaxx einen Hustenanfall abrang. Danach konnte sie sich auf den chilenischen Wettbewerbsbeitrag von Sebastián Lelio konzentrieren, der vor vier Jahren bereits mit "Gloria" im Wettbewerb vertreten war und dafür einige Preise erhielt, darunter den Silbernen Bären für Darstellerin Paulina García. Auch bei "Una mujer fantástica" hält Julia die schauspielerischen Leistungen insbesondere von Daniela Vega in der Rolle einer Transgender-Frau à la "The Crying Game" für den stärksten Aspekt. Das Drama selbst, das wie am Vortag bei "Félicité" von der Selbstbehauptung einer Frau handelt, ist solide.



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