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Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln
Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit "Alice im Wunderland" (1865) und "Alice hinter den Spiegeln" (1871) schuf Lewis Carroll in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Stück Nonsensliteratur, dessen fantastische Gegenwelt voller Traumlogik bis heute in der (Pop-)Kultur nachhallt. Zahlreiche Schriftsteller, Maler, Comiczeichner und Musiker ließen sich davon inspirieren. Unzählige Zeichentrick-, Spiel- und Kurzfilme sowie Fernsehserien basieren direkt auf Carrolls Kinderbuchklassikern – von losen Variationen des Stoffes wie in Terry Gilliams "Jabberwocky" (1977) oder "Tideland" (2005) sowie Anspielungen, Zitaten und Verweisen wie etwa in der "Matrix"-Trilogie (1999-2003) der Schwestern Wachowski einmal ganz abgesehen.

2010 widmete sich Tim Burton dem Stoff, der mit seinen filmischen (Alp-)Traumwelten wie kein anderer dafür geeignet schien. Doch wer Werktreue im typischen Burton-Stil erwartete, wurde enttäuscht. Drehbuchautorin Linda Woolverton ersetzte die assoziative, episodische Erzählweise der Vorlage durch eine stringente Handlung. Auch der Mix aus Realfilm, Motion-Capture-Verfahren und Computer Generated Imagery (CGI) blieb unausgegoren, wirkte vor allem zum Ende hin überhastet und insgesamt wenig burtonesk. Am spannendsten war noch die Umdeutung der Hauptfigur. Bei Burton war Alice kein kleines Mädchen mehr, sondern eine junge Erwachsene, die sich als Vorläuferin der Frauenbewegung positioniert und der Männerwelt auf Augenhöhe begegnet.

Genau hier knüpft James Bobins Fortsetzung an. Während Tim Burton im zweiten Teil lediglich als Produzent fungiert, stammt das Drehbuch erneut aus der Feder Linda Woolvertons, die die Hauptfigur noch selbstbewusster und fordernder anlegt. Alice (Mia Wasikowska) befehligt mittlerweile ihr eigenes Schiff. Auf der Brücke hat sie im übertragenen wie im Wortsinn die Hosen an – und ist ihrer Zeit damit erneut weit voraus. Abseits der Rolle der Frau streift Woolverton auch den Umgang mit (vermeintlich) Geisteskranken in der viktorianischen Gesellschaft. Johhny Depps verrückter Hutmacher steht dafür ebenso wie eine Szene, in der Alice in der Psychiatrie landet.

Während einige ihrer Schauspielkollegen (Johnny Depp, Anne Hathaway) eher routinierte Auftritte abliefern, verkörpert Mia Wasikowska Alice mit Haut und Haar. Sie spielt diese junge Frau nicht nur, sondern lebt sie auf der Leinwand. Das Publikum nimmt ihr die kindliche Neugier und Abenteuerlust ebenso ab wie ihren Drang nach Selbstbestimmung jenseits (greiser) Männergesellschaften. Im Zusammenspiel mit Sacha Baron Cohen, der seinen Charakter wunderbar spleenig als pedantischen Rechthaber anlegt, und Helena Bonham Carter, die die rote Königin erneut lustvoll überzeichnet, gelingt Wasikowska ein amüsanter Schlagabtausch.

Woolverton erzählt auch "Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln" linear, nimmt sich im Vergleich zum Vorgänger aber noch mehr Freiheiten. Mit Carrolls Vorlage hat der Film bis auf den Gang durch den Spiegel nichts mehr zu tun. Vielleicht heißt die Parallelwelt im zweiten Teil deshalb ja Unterland und nicht mehr Wunderland. Der Unterhaltung tut das jedoch keinen Abbruch. Denn den Ausstattern, Kostümbildnern und Effektespezialisten gelingt eine bis ins Detail liebevoll gestaltete Parallelwelt, in die die Zuschauer genüsslich ein- und anschließend darin abtauchen.

Bobins Regie gelingt es deutlich besser als Burtons, das Tempo hoch und die Geschichte zusammenzuhalten. Obwohl es auch hier kaum eine Einstellung ohne Bilder aus dem Rechner gibt, setzt Bobin sie dosierter als sein Vorgänger ein. Das furiose Finale ist bei ihm handlungs-, nicht CGI-getrieben. Die Effekte unterstützen die Handlung, sind nicht mehr ihre Triebfeder. Wer sich am übermäßigen Einsatz computergenerierter Bilder stört, sollte seinen Kinobesuch allerdings noch einmal überdenken.

Fazit: Regisseur James Bobin überragt seinen Vorgänger in vielen Bereichen. "Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln" erzählt von einer starken jungen Frau, die sich weder den Männern noch den gesellschaftlichen Konventionen beugt, und konterkariert damit das reaktionäre Frauenbild, das Disney noch in "Cinderella" (2015) propagierte. Wer sich nicht an den vielen Effekten stört, wird seine Freude mit diesem fantasievollen und turbulenten Abenteuer haben, das eine Lanze für Träumer und Außenseiter bricht.





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