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Winchester - Das Haus der Verdammten
Winchester - Das Haus der Verdammten
© Splendid Film © 24 Bilder

Kritik: Winchester - Das Haus der Verdammten (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Die Karriere der Spierig-Brüder steht an einem ersten Scheideweg. Bislang standen die in Deutschland geborenen australischen Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten für ein Genrekino, das sein geringes Budget geschickt durch ausgefallene Ideen und hohen handwerklichen Anspruch kaschierte. Wiederholungen waren Mangelware. Mit jedem neuen Film bearbeiteten sie ein neues Subgenre. Ihrem Debüt, dem Zombiestreifen "Undead" (2003), ließen sie den cleveren Vampirfilm "Daybreakers" (2009) und das Zeitreiserätsel "Predestination" (2014) folgen. Ein erster Bruch bedeutete im vergangenen Jahr "Jigsaw", mit dem Michael und Peter Spierig zum ersten Mal keinen eigenen Stoff umsetzten, ihre eigene Handschrift zudem vermissen ließen. Die ist in "Winchester" wieder deutlich erkennbar. Wirklich gelungen ist die Rückkehr zu den Wurzeln aber nicht.

Erneut ist Abwechslung Trumpf. Nach Untoten, Blutsaugern und Zeitreisenden sind nun Geister an der Reihe. Und auch dieses Mal geben die Filmemacher ihrer Genrevariante einen entscheidenden Twist. Wie so häufig steckt der Teufel im Detail. Das Publikum muss schon etwas aufmerksamer als im üblichen Horroreinerlei hinsehen und -hören, um den Subtext zu erfassen, zumindest zu Beginn. Hier ist die Wortwahl ausschlaggebend. "Winchester" basiere nicht etwa auf einer "true story", also einer wahren Geschichten, sondern auf "actual events", wollen uns die Brüder weismachen. Nun kann "actual" neben "wahr", aber auch "gegenwärtig" heißen. Unter dieser Bedeutung erhält das Gezeigte politische Untertöne. Angesichts der jüngsten Diskussionen in der Folge des Amoklaufs von Parkland, Florida könnte der zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesiedelte Film tatsächlich kaum aktueller sein.

Es ist kein Zufall, dass das heimgesuchte Haus auf einem Vermögen gründet, das den Tod Unschuldiger in Kauf nimmt. Und es ist erst recht kein Zufall, dass der Film Glaubensfragen und die Frage nach der geistigen Gesundheit seiner weiblichen Hauptfigur verhandelt. Schließlich wird das Recht auf Waffenbesitz in den USA längst wie ein Glaubenskrieg ausgefochten, in dem Befürworter nach jeder neuen Schreckenstat nicht müde werden, auf den Geisteszustand der Täter hinzuweisen. In diesem Glaubenskrieg versucht die strikte Waffengegnerin Sarah Winchester (Helen Mirren) ihren Gegenpart Eric Price (Jason Clarke) für ihre Seite zu bekehren. Dass der Psychologe ein durch Waffengewalt Traumatisierter ist und der mächtigste aller bösen Geister ein ehemaliger Amokläufer sind weitere Facetten der im Verlauf der Handlung immer klarer formulierten Kritik.

So klug all die Anspielungen auf ein zwischen Waffengegnern und Waffennarren gespaltenes Amerika auch sein mögen, so mittelmäßig ist die gruselige Gesellschaftsparabel umgesetzt. An den Schauspielern liegt es nicht. Helen Mirren brilliert als resolute Witwe, Eamon Farren lässt gekonnt den Wahn eines Amokläufers aufblitzen, Sarah Snook ist als wehrhafte Mutter zumindest routiniert. Und auch Jason Clark weiß als drogenabhängiger, von Schuld zerfressener und im Selbstmitleid versinkender Psychologe zu gefallen. So schön depressiv sah man ihn selten. Handwerklich hat "Winchester" hingegen reichlich Luft nach oben.

Was als Verbeugung vor der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts und den Filmen der britischen Hammer Studios beginnt, verkommt schnell zur lauten, erwartbaren Jump-Scare-Orgie, die die leisen Zwischentöne überdeckt. Auch vom Haus, mit seinen beinahe 200 Zimmern der heimliche Hauptdarsteller, ist viel zu wenig zu sehen. Wohl dem Budget geschuldet, tragen sich die Ereignisse in nur wenigen Räumen zu. Das Gefühl der Desorientierung, das die Spierig-Brüder anfangs in einer tollen Montage heraufbeschwören, ist schnell verflogen. Das größte Manko bleibt aber das inkonsequente Ende. Statt die Geister, die die Waffenschmiede rief, mit einem Gewaltverzicht auszutreiben, befördert Doktor Price sie mit den eigenen Mitteln endgültig ins Jenseits und konterkariert damit die pazifistische Grundhaltung des Films.

Fazit: Die Zwillinge Michael und Peter Spierig wählen auch für ihren vierten selbst entwickelten Stoff einen einfallsreichen Ansatz. "Winchester - Das Haus der Verdammten" ist ein Horrorfilm, den man als Parabel auf den Kampf zwischen Waffenlobby und Waffengegnern lesen kann. Leider gehen zu viele Variablen nicht auf. Neben dem inkonsequenten Schluss enttäuscht vor allem der Grusel, der zu wenig auf Atmosphäre und zu sehr auf plumpe Schockeffekte setzt.




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