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Midnight Special mit Michael Shannon
Midnight Special mit Michael Shannon
© Ben Rothstein / Warner Brothers

Tagebuch Berlinale 2016: "Midnight Special" am Mittag

2. Tag: Freundlicher Applaus und erstes Schnarchen

Gestern startete die Berlinale ihren Wettbewerb mit "Hail, Caesar!" - und allgemeiner Zufriedenheit. Doch der Coen Brothers-Film startete außer Konkurrenz. Das bugsierte den tunesischen Beitrag "Hedi" - der erste arabische Film im Wettbewerb seit zwei Jahrzehnten in die Rolle des ersten "regulären" Wettbewerbfilms. Waren am Tag zuvor die beiden Cinemaxx-Säle für "Hail, Caesar!" noch wegen Überfüllung geschlossen worden, war der Berlinale-Palast nun nicht gerade übermäßig gut besucht. Da darf man gespannt sein, wie viele Journalisten am kommenden Donnerstag zu dem achtstündigen philippinischen Wettbewerbsbeitrag kommen werden...

Diejenigen, die da waren, brauchten ihr Kommen auf jeden Fall nicht zu bereuen. "Hedi" ist ebenso wie "Hail, Caesar!" ein guter Auftakt der 66. Berlinale, was der freundliche Applaus zum Schluss widerspiegelte. Ein ruhiger, unspektakulärer und anrührender Streifen über die schwierige Selbstfindung eines jungen Tunesiers, bei dem ausgerechnet kurz vor seiner (arrangierten) Hochzeit ein Freiheitsgefühl Bahn bricht.

Regiedebutant Mohamed Ben Attia erklärte auf der anschließenden, auch wesentlich dünner besuchten Pressekonferenz auf Französisch, dass sein Drama in der Tat sehr gut zum Festivalmotto "Das Recht auf Glück" passe. "Dazu ist eine Neugier auf die Welt und eine Suche nach sich selbst wichtig", so der Filmemacher. Er würde sich freuen, wenn wieder mehr arabische Filme in den Wettbewerb kämen. "Wir sind vor Freude in die Luft gesprungen, als man uns mitteilte, dass unser Film am Wettbewerb teilnimmt", erzählte Attia. Produzentin Dora Bouchoucha Fourati berichtete, jeder habe erwartet, dass sie mit "Hedi" einen politischen Film drehen würden, der die Geschehnisse des Arabischen Frühlings thematisiere. Aber in Attia's Drehbuch gehe es eher um die Gesellschaft der "Post-Post-Revolution".

Mitten am mittigsten Mittag um zwölf Uhr stand mit "Midnight Special" der nächste Wettbewerbsfilm auf dem Programm, diesmal mit wesentlich prominenterer Besetzung, da es sich hier um einen US-Science Fiction-Film im Gewand einer Vater-Sohn-Geschichte handelt. Kirsten Dunst, Michael Shannon, Joel Edgerton, Sam Shepard und Adam Driver wirken in dem vierten Film von Jeff Nichols mit, der mit "Mud" von 2012 und "Take Shelter" von 2011 zwei überzeugende Werke vorgelegt hat.

Bei diesem Film über einen achtjährigen Jungen mit besonderen Fähigkeiten, den sein Vater vor religiösen Extremisten, der Polizei und dem FBI beschützen muss, erkundet Nichols die Gewalt- und Paranoiastrukturen der US-amerikanischen Provinz. Nimmt man die Publikumsreaktionen, dann scheint nicht aller guten Dinge drei geworden zu sein. Obwohl unsere Redakteurin Julia Nieder guten Grund gehabt hätte, bei dem düsteren, dahinplätschernden Geschehen auf der Leinwand einzudösen, hielt sie tapfer bis zum Ende durch, als der Streifen dann einfach aufhörte: "Wie ein langatmiger M. Night Shyamalan-Film, nur ohne Wendung am Schluss", lautet ihr Fazit. Ein solches kann der neben ihr sitzende Kollege erst gar nicht ziehen, schlummerte er doch sanft dahin, wovon das Schnarchen zeugte...

Regisseur Jeff Nichols berichtete in der Pressekonferenz von seiner Arbeitsweise: "Ich schreibe immer zweigleisig. Die eigentliche Geschichte ist dabei einem Genre verhaftet, wie in diesem Fall Science Fiction. Aber der emotionale Punkt, den ich mit der Handlung transportieren möchte, rührt aus persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Im Fall von 'Midnight Special' war das die Krankheit meines Sohnes, die mir bewusst machte, wie fragil so ein Leben ist und dass es nicht völlig in meiner Macht liegt, es zu schützen."

Den dritten Wettbewerbsfilm des Tages sah unser Kritiker Gregor Torinus: Das frankokanadische Psychodrama "Boris sans Béatrice" von Denis Côté. Er handelt von dem erfolgreichem russischstämmigen Unternehmer Boris Malinovsky und seiner einst nicht minder erfolgreichen Politiker-Frau. Letzte ist jedoch aufgrund einer chronischen Depression ans Bett gefesselt, an der ihr selbstgefälliger und arroganter Gatte wahrscheinlich nicht ganz unschuldig ist. Dies ist jedenfalls die Ansicht eines mysteriösen Mannes, der mit Boris Kontakt aufnimmt und diesem zur Änderung seines Lebens rät.

Laut Gregor Torinus ist "Boris sans Béatrice" für den Großteil der Spielzeit so nüchtern und so kalt wie Boris und bewegt sich auf dem Terrain eines gewöhnlichen Arthouse-Problemdramas. Umso gewollter wirkten die vereinzelten Einschübe ins Surreale, die zudem nichts in den Film hineinbrächten, was nicht auch anders darstellbar gewesen wäre. Die glaubhaften Charaktere und guten Schauspielleistungen machen den Film ihm zufolge jedoch trotzdem recht sehenswert.

Das war nicht Gregor's einziger Einsatz am heutigen zweiten Berlinale-Tag. Er war auch in der Panorama-Sektion tätig, wo er die "ziemlich durchgeknallte" Krimidramödie "War on Everyone" sah, ein Werk des irischen Regisseurs John Michael McDonagh, der letztes Jahr im Panorama mit dem nicht minder eigensinnigen "Calgary" vertreten war. In dem Film spielen Michael Pena und Alexander Skarsgård die beiden amerikanischen Bullen Bob und Terry. Die Beiden sind bis ins Mark hinein korrupt und ähneln in ihrem Arbeitsstil mehr ihrer eigen Klientel als ihren Kollegen. Sie kommen dunklen Machenschaften auf die Spur, hinter denen ein mysteriöser britischer Lord zu stecken scheint. Diese Mission verlangt den beiden ein Maximum an Schlagfertigkeit und an Schießfreude ab. Die pausenlosen coolen Sprüche der Chaoten-Cops empfand unser Rezensent als "weit spritziger, als was ein gewisser Herr Tarantino sich zuletzt abgerungen hat" und auch die Inszenierung vermochte es, ihn mit einem Potpourri an kreativen und an grellen Einfällen zu überzeugen. Fazit: Extrem kurzweilig.

Ein Höhepunkt des heutigen Festivaltages war für Gregor Torinus der japanische Mystery-Thriller "Creepy". Dieser ist Kiyoshi Kurosawa's Verfilmung eines Romans von Yutaka Maekawa. Die Geschichte handelt von dem einstigen Ermittler und Psychopathen-Experten Takakura, der nach einem Vorfall seinen aktiven Polizeidienst an den Nagel hängt und stattdessen eine Stelle als Universitätsdozent für Kriminalpsychologie antritt. Doch als sein früherer Kollege Nogami ihn bittet, ihm bei einem ungelösten alten Fall zu helfen, stürzt er sich "aus reinem privaten Interesse" erneut in die Ermittlungsarbeiten. Zugleich kämpfen er und seine Frau mit den seltsamen Nachbarn an ihrem neuen Wohnort.

"Creepy" beginnt als ein gewöhnlicher Krimi um ein mögliches Verbrechen, dessen genaue Natur jedoch noch zu klären ist. Dabei schleicht sich zunehmend das titelgebende große Unbehagen ein. Dieses verstärkt sich bis zu dem Punkt, an dem man nicht mehr weiß, ob man sich noch in einem verhältnismäßig geradlinigen Thriller oder gar in einem übersinnlichen Horrorfilm befindet. "Creepy" ist hoch spannend, sehr atmosphärisch und entfaltet gegen Ende ein starkes Verstörungspotential. Für Gregor Torinus ein "echtes Highlight".

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