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Kritik: Interstellar (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Es gibt bescheidene und es gibt weniger bescheidene Filmemacher und dann gibt es noch einen gewissen Herrn namens Christopher Nolan. Der Mann, der noch 1998 in seiner Freizeit den Schwarzweiß-No-Budgetfilm "Following" gedreht hatte, um an seinen ersten Hollywood-Vertrag zu kommen, ist spätestens seit seiner "Batman-Trilogie" und insbesondere seit "Inception" dafür bekannt, dass er weit lieber klotzt, als kleckert. "Inception" war schlappe zweieinhalb Stunden lang und wurde gleich nach seinem Erscheinen als "der erste Film des neuen Jahrtausends" gehypt. Doch bei nüchternem Blick zeigt sich, dass "Inception" zwar ein imposantes Spektakel bietet, jedoch wenig über das menschliche Unterbewusstsein aussagt – dem eigentlichen Thema des Films. Nach diesem rasanten Sprung in das menschliche Bewusstsein hinein, folgt mit "Interstellar" die Gegenbewegung hinaus ins All. Wer glaubte, nach "Inception" war der Gipfel der Ambitionen Nolans bereits erreicht, wird jetzt definitiv eines Besseren belehrt.

Der von Nolans Bruder Jonathan und Christopher Nolan selbst geschriebene "Interstellar" ist ein Sci-Fi-Biest mit einer Länge von fast drei Stunden, wovon jede einzelne Minute rund eine Millionen Dollar schwer ist. Wie bereits in "Inception" donnert die Musik des gebürtigen Hessen Hans Zimmer und versucht wagnerianische Wuchtigkeit zu erzeugen. In den besten Momenten des Films gelingt dies in Verbindung mit den imposanten Bildern von Hoyte van Hoytema ("Her") durchaus. So gerät ein gewagtes Andockmanöver im All zu einem orgiastischen Space-Opera-Fest. Und wenn die runde Raumstation zu klassischen Klängen langsam durch die Weiten des Allts trudelt, ist überdeutlich, weshalb Nolan Stanley Kubricks Überklassiker "2001: Odyssee im Weltall" als sein wichtigstes Vorbild für "Interstellar" nennt. In den schlechtesten Momenten des Films jedoch steigert Zimmers pathetische Musik die Wirkung der bereits extrem pathetischen Geschichte ins schier Unerträgliche. - Diese Extreme sind symptomatisch für einen Film, angesichts dessen jede Wertung versagt.

Das große Thema des Films ist jedoch weder die drohende Klimakatastrophe, noch sind es wissenschaftliche Extravaganzen der extrem abgespacten Art. In seinem Kern lässt sich "Interstellar" auf die schlichte Aussage reduzieren, dass aus einem echten Cowboy niemals ein genügsamer Farmer wird. Diese uramerikanische Weisheit wird anhand des ehemaligen Kampfpiloten Cooper veranschaulicht, der sogar seine (nach konservativen amerikanischen Werten) heilige Familie auf der Erde zurücklässt um als Space-Cowboy der Menschheit neue Horizonte zu erschließen. Wirklich groß ist der Teil, der sich mit den möglichen unangenehmen Nebenwirkungen der unter bestimmten Bedingungen anders als auf der Erde verlaufenden Zeit auseinandersetzt. So sieht sich der Space-Cowboy Cooper (ziemlich genial: Matthew McConaughey) irgendwann mit der fatalen Erkenntnis konfrontiert, dass am Ende seiner Mission wahrscheinlich keine der von ihm geliebten Personen mehr leben wird. So erreicht die Auseinandersetzung zwischen persönlichem Glück und Rettung der gesamten Menschheit eine wahrlich kosmische Dimension.

Wie in den meisten überteuren Blockbustern, versuchen jedoch auch die Nolan-Brothers am Ende von "Interstellar" es möglichst allen recht zu machen. - Immerhin waren mit Warner Brothers und Paramount gleich zwei Studios notwendig, um das finanzielle Risiko dieses monströsen Weltraum-Tankers zu stemmen. - So gerät das Skript immer mehr in zusehends unübersichtlichere wurmlochartige Windungen, in denen aus oben unten wird oder auch umgekehrt oder auch nicht. Alle wesentlichen Fragen werden mit einem entschiedenen Jein beantwortet: Rettung der Menschheit oder Rettung der eigenen Familie? Flucht ins All oder Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Heimatplaneten? Hilfe durch höhere Mächte oder Rettung aufgrund menschlichen Abenteuer- und Erfindergeistes? - "Interstellar" ist bemüht alles in einer Weise zu beantworten, die wirklich jeden zufriedenstellt. Da das jedoch schlicht unmöglich ist, lässt Nolan gegen Ende die ganz großen Bilder und Gefühle sprechen. Visuell ist das imposant, inhaltlich oft unerträglich kitschig. - Es gibt Filme, die man nur lieben oder nur hassen kann. - "Interstellar" liebt und hasst man jedoch zugleich.

Fazit:
Mit "Interstellar" tritt Christopher Nolan an, den "2001" des 21. Jahrhunderts auf die große Leinwand zu bringen. Das ging erwartungsgemäß in die Hose. Trotzdem ist der Film streckenweise ziemlich genial.





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