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The Man Who Killed Don Quixote (2014)

Absurd-komisches Lebensprojekt: Terry Gilliam bringt sein Fantasydrama mit Adam Driver und Jonathan Pryce in den Hauptrollen nach mehr als zwei Dekaden doch noch auf die Leinwand.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.7 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 3 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Regisseur Toby (Adam Driver) ist frustriert. Statt bedeutender Spielfilme dreht er nur noch belanglose Werbeclips. Also flüchtet er sich in Zynismus und in ein kurzes sexuelles Abenteuer mit Jacqui (Olga Kurylenko), der Frau seines Bosses (Stellan Skarsgård). Als Toby für einen Auftrag an den Ort zurückkehrt, an dem er seinen Abschlussfilm gedreht hat, stürzt er in eine tiefe Sinnkrise, macht aber gleichzeitig eine außergewöhnliche Entdeckung.

Der alte Schuster (Jonathan Pryce), der für Toby vor der Kamera einst in die Rolle des Don Quixote schlüpfte, hält sich mittlerweile tatsächlich für die literarische Figur und Toby für seinen Knappen Sancho Panza. Gemeinsam schliddern die beiden in eine Serie absurder Abenteuer, an deren Ende eine Prüfung auf Toby wartet. Kann er die hübsche Angelica (Joana Ribeiro) aus den Fängen des grausamen Oligarchen Alexei Miiskin (Jordi Mollà) befreien?

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

Nun ist es also endgültig vollbracht und den Machern eigens eine Erwähnung wert. Nach 25 Jahren turbulenter, unterbrochener, abgebrochener und wieder aufgenommener Produktion, "after 25 years of making and unmaking", wie es eingangs heißt, bringt das ehemalige Monty-Python-Mitglied und Enfant terrible Terry Gilliam sein Herzensprojekt doch noch in die Kinos. Das Ergebnis ist, gemessen an Gilliams stärksten Filmen, ernüchternd. Einmal mehr liegt das nicht an den fantastischen Bildwelten, die der Regisseur durch opulente Ausstattung und Kostüme und herrlich verrückter Kompositionen entwirft, sondern an deren narrativer Vermittlung.

Dabei schien der Stoff im Grunde perfekt. Miguel de Cervantes Vorlage, eines der einflussreichsten Werke der Weltliteratur, begleitet Gilliam bereits seit seiner Jugend. Seine Faszination für die Geschichte vom Ritter von der traurigen Gestalt liegt auf der Hand, ist der in zwei Teilen veröffentlichte Roman doch nicht nur ein Schelmenstück gilliamschen Zuschnitts, sondern zugleich dessen Parodie. Eine brillante Medienreflexion, in der die Grenzen zwischen Einbildungskraft und Realität verwischen. Eine fantasievolle Weltflucht, wie sie auch Gilliams bildgewaltigem, häufig literarisch inspiriertem Kino seit "Jabberwocky" (1977) innewohnt.

Der Auftakt ist denn auch vielversprechend. In der gleichermaßen aufwendig wie ausladend inszenierten Exposition ziehen Terry Gilliam und Koautor Tony Grisoni binnen weniger Minuten bereits mehrere Erzähl- und Realitätsebenen ein, zwischen denen der Regisseur leichtfüßig wechselt. Und wenn der zynisch-frustrierte Toby (Adam Driver) in seine eigenen Erinnerungen abtaucht oder in einem Gespräch mit den einheimischen Dorfbewohnern flugs die Untertitel aus dem Bild schiebt, weil sich die Figuren von nun an in einer gemeinsamen Sprache miteinander unterhalten, dann ringt Gilliam seinem "Don Quixote" jene verspielte Originalität seiner Anfangsjahre ab, die viele seiner jüngeren Filme schmerzlich vermissen ließen.

Doch schon im ersten Akt geht diese wiedergefundene Leichtfüßigkeit verloren. Das Drehbuch greift wunderbare Ideen auf – etwa jene, dass Don Quixotes Träume in die Realität überschwappen –, nur um sie im nächsten Moment achtlos fallen zu lassen. Ein bisschen scheint es so, als wären Gilliam und Grisoni über die vielen Jahre der Entwicklung hinweg so viele Einfälle gekommen, dass sie sich am Ende von keinem trennen wollten. Dadurch gleicht "The Man Who Killed Don Quixote", je länger er dauert, Stückwerk: eine ironische Anspielung auf das eigene Werk hier, ein absurd komischer Kommentar zum gegenwärtigen Weltgeschehen da. Ihre eigentliche Geschichte verliert diese selbstreferenzielle Nummernrevue dabei mehr und mehr aus den Augen.

Der dünne Plot ist nie stark genug, die mehr als zwei Stunden Laufzeit zu tragen. Wie so häufig, ja eigentlich immer bei Gilliam geht es um einen desillusionierten Antihelden auf der Suche nach sich selbst. Als frustrierter Regisseur scheint im Protagonisten selbstredend eine gehörige Portion Terry Gillliam durch. Adam Driver spielt das gut, mit seiner aus der Fernsehserie "Girls" (2012-2017) gewohnten Mischung aus verschrobener Zurückhaltung, Aggression und Impulsivität. Auch das Zusammenspiel mit Jonathan Pryce überzeugt weitgehend und besorgt manchen Schmunzler. Viele der angedachten Pointen verpuffen allerdings angesichts schlampig geschriebener Dialoge.

Beim Versuch, sich aus der kreativen Krise zu manövrieren, ist Toby auch auf Wiedergutmachung aus. Als Teil eines von Männern dominierten, auf Oberflächenreize fixierten Unterhaltungszirkus hat der arrogante Filmemacher die seinerzeit viel zu junge Angelica (Joana Ribeiro) für seinen Studentenfilm schamlos ausgenutzt. Genau an dieser Stelle wird es nun spannend. Statt die einstmals Ausgenutzte als starke weibliche Figur anzulegen, die sich selbst, eventuell gar den Mann an ihrer Seite befreit, macht das Drehbuch aus ihr eine furchtbar eindimensionale Jungfrau in Nöten. Das ist vor allem deshalb so enttäuschend, weil Gilliam etwa in "Brazil" (1985) schon vor Jahrzehnten bewiesen hat, dass es auch anders geht.

Die jüngste Verrücktheit des einstigen Kinovisionärs ist zwar um einiges besser als seine letzten vier Filme – vom gattgebügelten "Brothers Grimm" (2005) und dem düster-wirren "Tideland" (2005) über den von Heath Ledgers Tod überschatteten und notdürftig zusammenflickten "Kabinett des Doktor Parnassus" (2009) bis zum zahnlosen und recht einfallslos das eigene Werk kopierenden "Zero Theorem" (2013) –, in der Summe all ihrer originellen Einzelteile aber letzten Endes doch nur gehobener Durchschnitt.

Fazit: Terry Gilliams Lebensprojekt "The Man Who Killed Don Quixote" knüpft visuell an die besten Zeiten des Regisseurs an, lässt erzählerisch indes ein weiteres Mal zu viel vermissen. Opulenten Sets, optisch überbordenden Einstellungen und einem Füllhorn an originellen Ideen stehen eindimensionale Charaktere und eine zusehends zerfasernde Handlung entgegen.




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FBW: besonders wertvollNach einhelliger Meinung der Jury ist Terry Gilliam mit THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE ein fesselndes Stück Kino gelungen, das in seiner dichten Atmosphäre und mit seinen vielschichtigen Bezugsebenen lange nachwirkt. Grundlage seiner furiosen [...mehr]

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Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Großbritannien, Spanien
Jahr: 2014
Genre: Abenteuer, Fantasy
Länge: 132 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 27.09.2018
Regie: Terry Gilliam
Darsteller: Adam Driver als Toby, Jonathan Pryce als Don Quixote, Stellan Skarsgård als The Boss
Verleih: Concorde

ZusatzinformationAlles anzeigen

Im Jahr 1605 waren Rittergeschichten allseits beliebt und so kam es, dass zahlreiche Abenteuer erschienen, eines fantastischer und ausschweifender als das andere.

Der spanische [...mehr] Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra nahm diesen Trend zum Anlass, um den "sinnreichen Junker Don Quijote von der Mancha" zu erschaffen. Die Geschichte des armen Landadeligen parodiert allerdings die populären Ritterromane des Mittelalters, indem der Titelheld die Lektüre der sagenhaften Stoffe für bare Münze nimmt und sich aufmacht, als fahrender Ritter Abenteuer zu erleben und gegen das Unrecht zu kämpfen. Dabei gerät Don Quijote in zahlreiche tragikomische Situationen, die es zum Teil ins kollektive Gedächtnis geschafft und dort bis in die Jetztzeit überdauert haben. Am Berühmtesten dürfte die legendäre Episode sein, in welcher der Mann von La Mancha gegen Windmühlen anreitet, die er für Riesen hält.

Bestseller und Meisterwerk
Tatsächlich ist der Roman, der 1605 und 1615 in zwei Teilen veröffentlicht wurde und für damalige Verhältnisse ein Weltbestseller war, jedoch weit mehr als eine schlichte Parodie. Inhaltlich komplex und stilistisch äußerst kunstvoll hält Don Quijote der damaligen Gesellschaft implizit einen Spiegel vor und gerät somit zu einem Panorama jener Zeit. Gleichzeitig trägt der Roman trotz der konfliktreichen Frage, was Traum ist und was Wirklichkeit, eine tiefverwurzelte humanitäre Botschaft in sich.

Kaum verwunderlich also, dass eine im Jahr 2002 vom Osloer Nobelinstitut und dem norwegischen Buchclub unter prominenten Schriftstellern aus 50 Ländern abgehaltene Abstimmung eindeutig zu Gunsten des Meisterwerks von Cervantes ausging. Schon für Dostojevskij, Autor von Literaturklassikern wie "Schuld und Sühne" oder "Die Brüder Karamasow", war es das Buch, "das der Mensch am Tag des Jüngsten Gerichts dabeihaben sollte".

Adaptionen von "Don Quijote"
Dass diese große, auf Papier gebannte Geschichte künstlerisch vielfach adaptiert wurde, ist daher nur logisch. Bereits Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde Cervantes‘ Roman in verschiedenen Theateraufführungen in Europa dargeboten. In filmischer Form werden die Abenteuer von Don Quijote seit 1926 verarbeitet. So drehte u.a. der legendäre Regisseur Georg Wilhelm Pabst 1933 eine Fassung und auch Orson Welles, der Mann hinter dem Kultfilm "Citizen Kane", versuchte sich an einer Verfilmung, die jedoch aufgrund widriger Umstände unvollendet blieb.

Eine ebenso verworrene Produktionsgeschichte weist THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE auf. Doch fast 30 Jahre nach den ersten zarten Anfängen wurde Terry Gilliams Vision im zehnten Anlauf tatsächlich Wirklichkeit. Nach einer sehr langen Vorlaufsphase und gescheiterten Dreharbeiten im Jahr 2000 mit Wetterkapriolen, Verletzungen und Versicherungsproblemen fiel 2017 endlich die finale Klappe zu THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE.

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