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Kritik: The Man Who Killed Don Quixote (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Nun ist es also endgültig vollbracht und den Machern eigens eine Erwähnung wert. Nach 25 Jahren turbulenter, unterbrochener, abgebrochener und wieder aufgenommener Produktion, "after 25 years of making and unmaking", wie es eingangs heißt, bringt das ehemalige Monty-Python-Mitglied und Enfant terrible Terry Gilliam sein Herzensprojekt doch noch in die Kinos. Das Ergebnis ist, gemessen an Gilliams stärksten Filmen, ernüchternd. Einmal mehr liegt das nicht an den fantastischen Bildwelten, die der Regisseur durch opulente Ausstattung und Kostüme und herrlich verrückter Kompositionen entwirft, sondern an deren narrativer Vermittlung.

Dabei schien der Stoff im Grunde perfekt. Miguel de Cervantes Vorlage, eines der einflussreichsten Werke der Weltliteratur, begleitet Gilliam bereits seit seiner Jugend. Seine Faszination für die Geschichte vom Ritter von der traurigen Gestalt liegt auf der Hand, ist der in zwei Teilen veröffentlichte Roman doch nicht nur ein Schelmenstück gilliamschen Zuschnitts, sondern zugleich dessen Parodie. Eine brillante Medienreflexion, in der die Grenzen zwischen Einbildungskraft und Realität verwischen. Eine fantasievolle Weltflucht, wie sie auch Gilliams bildgewaltigem, häufig literarisch inspiriertem Kino seit "Jabberwocky" (1977) innewohnt.

Der Auftakt ist denn auch vielversprechend. In der gleichermaßen aufwendig wie ausladend inszenierten Exposition ziehen Terry Gilliam und Koautor Tony Grisoni binnen weniger Minuten bereits mehrere Erzähl- und Realitätsebenen ein, zwischen denen der Regisseur leichtfüßig wechselt. Und wenn der zynisch-frustrierte Toby (Adam Driver) in seine eigenen Erinnerungen abtaucht oder in einem Gespräch mit den einheimischen Dorfbewohnern flugs die Untertitel aus dem Bild schiebt, weil sich die Figuren von nun an in einer gemeinsamen Sprache miteinander unterhalten, dann ringt Gilliam seinem "Don Quixote" jene verspielte Originalität seiner Anfangsjahre ab, die viele seiner jüngeren Filme schmerzlich vermissen ließen.

Doch schon im ersten Akt geht diese wiedergefundene Leichtfüßigkeit verloren. Das Drehbuch greift wunderbare Ideen auf – etwa jene, dass Don Quixotes Träume in die Realität überschwappen –, nur um sie im nächsten Moment achtlos fallen zu lassen. Ein bisschen scheint es so, als wären Gilliam und Grisoni über die vielen Jahre der Entwicklung hinweg so viele Einfälle gekommen, dass sie sich am Ende von keinem trennen wollten. Dadurch gleicht "The Man Who Killed Don Quixote", je länger er dauert, Stückwerk: eine ironische Anspielung auf das eigene Werk hier, ein absurd komischer Kommentar zum gegenwärtigen Weltgeschehen da. Ihre eigentliche Geschichte verliert diese selbstreferenzielle Nummernrevue dabei mehr und mehr aus den Augen.

Der dünne Plot ist nie stark genug, die mehr als zwei Stunden Laufzeit zu tragen. Wie so häufig, ja eigentlich immer bei Gilliam geht es um einen desillusionierten Antihelden auf der Suche nach sich selbst. Als frustrierter Regisseur scheint im Protagonisten selbstredend eine gehörige Portion Terry Gillliam durch. Adam Driver spielt das gut, mit seiner aus der Fernsehserie "Girls" (2012-2017) gewohnten Mischung aus verschrobener Zurückhaltung, Aggression und Impulsivität. Auch das Zusammenspiel mit Jonathan Pryce überzeugt weitgehend und besorgt manchen Schmunzler. Viele der angedachten Pointen verpuffen allerdings angesichts schlampig geschriebener Dialoge.

Beim Versuch, sich aus der kreativen Krise zu manövrieren, ist Toby auch auf Wiedergutmachung aus. Als Teil eines von Männern dominierten, auf Oberflächenreize fixierten Unterhaltungszirkus hat der arrogante Filmemacher die seinerzeit viel zu junge Angelica (Joana Ribeiro) für seinen Studentenfilm schamlos ausgenutzt. Genau an dieser Stelle wird es nun spannend. Statt die einstmals Ausgenutzte als starke weibliche Figur anzulegen, die sich selbst, eventuell gar den Mann an ihrer Seite befreit, macht das Drehbuch aus ihr eine furchtbar eindimensionale Jungfrau in Nöten. Das ist vor allem deshalb so enttäuschend, weil Gilliam etwa in "Brazil" (1985) schon vor Jahrzehnten bewiesen hat, dass es auch anders geht.

Die jüngste Verrücktheit des einstigen Kinovisionärs ist zwar um einiges besser als seine letzten vier Filme – vom gattgebügelten "Brothers Grimm" (2005) und dem düster-wirren "Tideland" (2005) über den von Heath Ledgers Tod überschatteten und notdürftig zusammenflickten "Kabinett des Doktor Parnassus" (2009) bis zum zahnlosen und recht einfallslos das eigene Werk kopierenden "Zero Theorem" (2013) –, in der Summe all ihrer originellen Einzelteile aber letzten Endes doch nur gehobener Durchschnitt.

Fazit: Terry Gilliams Lebensprojekt "The Man Who Killed Don Quixote" knüpft visuell an die besten Zeiten des Regisseurs an, lässt erzählerisch indes ein weiteres Mal zu viel vermissen. Opulenten Sets, optisch überbordenden Einstellungen und einem Füllhorn an originellen Ideen stehen eindimensionale Charaktere und eine zusehends zerfasernde Handlung entgegen.




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