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Gone Girl
Gone Girl
© 20th Century Fox

Kritik: Gone Girl - Das perfekte Opfer (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Gleich die erste Einstellung gibt die Stoßrichtung vor. Nick Dunne (Ben Affleck) streichelt seiner Frau Amy (ausdrucksstark: Rosamund Pike) durch die Haare, und sein Kommentar aus dem Off lässt uns wissen, dass er ihr manchmal gerne den Schädel aufbrechen würde, um in ihren Gedanken lesen zu können. Ein vermeintlich zärtlicher Moment kippt durch diese grausamen Worte unvermittelt ins Abgründige. Der bestmögliche Auftakt für David Finchers Bestsellerverfilmung "Gone Girl – Das perfekte Opfer", die wie ein handelsüblicher Crime-Thriller beginnt, sich aber immer wieder zu einem garstigen Ehedrama auswächst, dem äußerst beunruhigende Fragen zugrunde liegen: Wie gut können Partner sich wirklich kennen? Ist eine Beziehung nicht immer auch ein Rollenspiel, in dem Sehnsüchte und Wünsche verhandelt werden? Ein Rollenspiel, das leicht aus dem Ruder laufen kann?

Die Ehe der Dunnes jedenfalls ist schon lange nicht mehr so harmonisch wie zu ihrer Anfangszeit. Das führen uns Fincher und Drehbuchautorin Gillian Flynn, die ihren eigenen Roman für die Leinwand adaptierte, schrittweise vor Augen, indem sie die Geschehnisse nach Amys spurlosem Verschwinden – die akribische Polizeiarbeit und Nicks Reaktionen – geschickt mit Rückblenden verweben. Über die Tagebucheintragungen der jungen Frau tauchen wir ein in das frühere Beziehungsleben des vermeintlichen Vorzeigepaares, das beruflich erfolgreich war, in New York wohnte, leidenschaftlichen Sex hatte, aber zusehends auseinander driftete. Arbeitslosigkeit infolge der Rezession. Entscheidungen, die über den Kopf des anderen hinweg gefällt wurden. Ein Umzug in Nicks Heimatort, eine miefige Kleinstadt in Missouri. Ein unerfüllter Kinderwunsch. Missgunst, Angst und blanke Verachtung. Viel hat sich über die Jahre zusammengebraut, wie sich in der Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart zeigt, wobei den Bildern und Ausführungen nicht immer zu trauen ist, da beide Ehepartner ihre eigene Agenda verfolgen und sorgsam gehütete Geheimnisse mit sich herumtragen.

Gleich auf mehreren Ebenen handelt "Gone Girl" von der schwierigen Trennung zwischen Schein und Sein. Von der Diskrepanz zwischen Projektion und Wahrhaftigkeit. Unverkennbar schon in dem Moment, in dem sich die Protagonisten zum ersten Mal begegnen und auf spielerische Weise verführen. Ebenso augenfällig am Beispiel der nahezu perfekten Kinderbuchfigur Amazing Amy, die Amys Eltern, erfolgreiche Psychologen, nach dem Vorbild ihrer Tochter modellierten, nur eben in makelloser Ausprägung. Eine äußerst einträgliche Erfindung, von der sich die junge Frau allerdings selbst im Erwachsenenalter nicht befreien kann.

Auf den schmalen Grat zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, zielt schließlich auch die ätzende und satirisch überspitzte Kritik an der gegenwärtigen Medienkultur ab, die Fincher und Flynn unverhohlen formulieren. Gleich nach Nicks öffentlichem Appell an potenzielle Zeugen wird in pseudo-moralischen Fernsehsendungen wild über sein Auftreten spekuliert. Warum wirkt er merkwürdig teilnahmslos? Und was hat sein Lächeln auf dem Selfie mit einem sensationsgierigen Groupie zu bedeuten? Quotengeile Moderatoren wie die selbst ernannte Frauenrechtlerin Ellen Abbott (karikaturenhaft: Missi Pyle) jedenfalls sehen darin eindeutige Beweise für die Täterschaft des Ehemanns, weshalb sie ihn wie ein Tier durch den medialen Zirkus hetzen. Nick selbst schlägt irgendwann zurück und spielt in einer Talk-Show den reumütigen Gatten, um seine Person wieder ins rechte Licht zu rücken.

Eine verschachtelte Erzählweise, (verhältnismäßig) unerwartete Handlungsumschläge, das Spiel mit dem Wahrheitsgehalt der Bilder, medienkritische Betrachtungen und, wie fast immer bei Fincher, sorgsam komponierte Einstellungen – auf den ersten Blick scheint "Gone Girl" grandiose Thriller-Unterhaltung zu bieten. Doch etwa zur Hälfte gerät der Motor ins Stottern. Ein großer Twist lenkt den Plot in andere Bahnen, die Spannung fällt etwas ab, und der Film offenbart, ähnlich wie die Romanvorlage, seine reißerischen Grundzüge, die durchaus an Groschenroman-Fantasien erinnern. Was an sich nicht allzu problematisch wäre, wenn nicht andauernd unfreiwillig komische Szenen (äußerst unangenehm: Neil Patrick Harris als Amys dubioser Ex-Verehrer) auf den Zuschauer niederprasseln würden. Die tonale Balance verrutscht hier ein ums andere Mal, sodass sich die beklemmende Atmosphäre der ersten Hälfte nur bedingt einstellen will. Keine Frage, Finchers neuester Regiestreich ist kantig und geheimnisvoll, präsentiert eine eigenwillige Melange aus Crime Story und Ehehölle, ist letztlich aber nicht das Meisterwerk, das zahlreiche Kritiker aus ihm machen."

Fazit: Einmal mehr liefert US-Regisseur David Fincher keinen Hollywood-Einheitsbrei, sondern abgründiges Thriller-Kino mit ansprechendem Look, exzessiven Plot-Volten und unkonventionellen Hauptfiguren. Da die zunehmend reißerische Story jedoch irgendwann ins unfreiwillig Komische kippt, reicht es nicht ganz für eine Vier-Sterne-Wertung.




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