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© Universal Pictures International

Kritik: Wir (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Große Taten schüren große Erwartungen. Nachdem die gewitzte Horrorsatire "Get Out", das Regiedebüt von Jordan Peele, zu einem Kritiker- und Publikumserfolg avanciert war, blickten viele Genrefreunde der zweiten Spielfilmarbeit des Afroamerikaners mit gesteigerter Vorfreude entgegen. Würde er in seinem Folgewerk, das wieder in düstere Gefilde vordringt, handfestes Grauen ähnlich wirkungsvoll mit komischen Akzenten und sozialkritischen Pointen verbinden können wie in seinem Erstling, für dessen clever konstruiertes Drehbuch Peele einen Oscar erhielt? Der schräge Schocker "Wir" fühlt sich am Ende inhaltlich vielleicht ein bisschen weniger stimmig an, beweist aber allemal, dass der kreative Kopf schon jetzt zu den Hoffnungsträgern des modernen Horrorkinos zählt.

Bereits der Prolog, der im Jahr 1986 spielt und den Zuschauer auf einen Jahrmarkt in der kalifornischen Küstenstadt Santa Cruz entführt, erzeugt geschickt Unbehagen. Größtenteils aus der kindlichen Perspektive der kleinen Adelaide (Madison Curry) eingefangen, wirkt das bunte Treiben auf dem Rummelplatz einschüchternd. Besonders atmosphärisch fällt eine Szene aus, in der die Protagonistin ein Spiegelkabinett betritt und dort einen grauenhafte Erfahrung macht.

Über drei Dekaden später erreicht die nun erwachsene Adelaide (Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o) gemeinsam mit ihrem Ehemann Gabe (Winston Duke) und ihren Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) das in der Umgebung von Santa Cruz gelegene Ferienhaus der Familie. Während Gabe vor Begeisterung über den Urlaub zu platzen scheint und sich immer wieder kleine Späße erlaubt, beschleicht seine Gattin von Anfang an ein mulmiges Gefühl, das nicht zuletzt mit ihrem Erlebnis auf der Kirmes zusammenhängt. In der ersten Nacht bewahrheiten sich ihre diffusen Befürchtungen auf grausame Weise. Urplötzlich stehen vier unheimliche, in Rot gekleidete Gestalten in der Einfahrt, die sich nur wenig später gewaltsam Zutritt zum Anwesen der Wilsons verschaffen. Als Adelaide und ihre Liebsten den Peinigern gegenübersitzen, erkennen sie, dass die ungebetenen Gäste ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten sind.

Jordan Peele, der erneut Drehbuch und Regie verantwortete, folgt zunächst den klassischen Mustern des Home-Invasion-Films, in dem das Grauen häufig in einem idyllischen Ferien-Setting zuschlägt. Eine reizvolle Abwandlung erfährt die Standardprämisse allerdings dadurch, dass die Wilsons nicht irgendwelchen anonymen Meuchelmördern in die Hände fallen, sondern bösen Doppelgängern, die die vermeintliche Gewissheit der Familienmitglieder, einzigartig zu sein, schwer erschüttern. Woher kommen die seltsamen Ebenbilder? Was treibt sie an? Und warum wollen sie Adelaide und Co offenbar um jeden Preis ermorden? Die Begegnung wirft nicht nur viele Fragen auf, sondern liefert zudem einige der nervenaufreibendsten und gruseligsten Momente des gesamten Films.

Was als häusliches Martyrium beginnt, weitet sich mit der Zeit zu einer größeren Bedrohungssituation aus. "Wir" hat einige Handlungsüberraschungen in petto, bedient sich Motiven aus unterschiedlichen Horror-Subgenres, fährt diverse popkulturelle Verweise auf und wirft in seiner rätselhaften, zum Mitdenken anregenden Geschichte einen umfassenden Blick auf die tief gespaltene US-Gesellschaft. Stand in "Get Out" das Übel des Rassismus im Mittelpunkt, reißt Peele hier gleich mehrere Themenkomplexe an – unter anderem die Angst vor dem Fremden und die Wut der Unterdrückten und Abgehängten. Obwohl er nicht alle Ideen sinnvoll unter einen Hut bringt und einen fulminanten Schlusstwist ein wenig unter Wert verkauft, besitzt sein zweiter Spielfilm unbestreitbare Qualitäten, die eine irritierend-faszinierende Kinoerfahrung garantieren.

Viele der eingestreuten Witze und Absurditäten funktionieren. Die Inszenierung ist erstaunlich durchdacht und selbstbewusst. Mike Gioulakis‘ ("Glass") suggestive Kameraführung wirkt sich immer wieder spannungssteigernd aus. Die eindringliche Musik von Michael Abels befeuert die Verunsicherung des Zuschauers. Markante Lieder werden amüsant und clever in das Geschehen integriert. Und die Darsteller agieren in ihren Doppelrollen überzeugend, im Fall von Lupita Nyong’o sogar furios. Laufen nach rund zwei Stunden die Abspanntitel über die Leinwand, verspürt man umgehend die Lust, den mysteriösen Gruselstreifen ein zweites Mal zu sehen, und wünscht sich inständig, dass Peele dem Horrorkino noch lange erhalten bleiben möge.

Fazit: Geheimnisvoll, anspielungsreich, schaurig, amüsant und auch ein wenig ausufernd – mit "Wir" gelingt Jordan Peele trotz kleiner Schönheitsfehler ein weiterer origineller Schocker, dem man sich nur schwer entziehen kann.




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