Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Alice im Wunderland
Alice im Wunderland
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Alice im Wunderland (2010)


Kaum ein anderes Kinderbuch hat solch einen festen Platz in den Herzen der Kinder und gleichermaßen auch in den Köpfen vieler Erwachsener. 1865 erstmalig erschienen, nimmt "Alice im Wunderland" auch bei vielen Mathematikern aufgrund seiner verdrehten Logik einen besonderen Platz ein. Wundern braucht das nicht: Lewis Caroll, ein verschrobener Kauz, der niemals heiratete, war selbst Mathematiklehrer. Während einer Bootsfahrt erzählte er den drei Töchtern des damaligen Oxforddekans eine lustige Geschichte, die er später niederschrieb. Eine der Töchter des Dekans hieß Alice und wird heute als namensgebend betrachtet.

Die Geschichte, die von vielen Insidern als revolutionär und ihrer Zeit weit voraus angesehen wird, insbesondere angesichts der Annahme, dass es ich um eine Art Vorläufer des Künstliche-Realitäten-Themas handelt, ist vordergründig eine Reise in die facettenreiche und zuweilen bizarre Welt der kindlichen Phantasie; es heißt aber, Caroll hatte eigentlich anderes im Sinn gehabt: Ihm ging es darum, das Verhalten von Queen Victoria (die als sehr leicht reizbar und launisch galt; deshalb auch immer das "Runter mit dem Kopf!"), sowie den allgemeinen spießig-biederen Sittenzustand und die Justiz seiner Zeit an den Pranger zu stellen. Zur Krönung persiflierte er dann noch ein wenig seinen eigenen Freundkreis.

Nach unzähligen vorigen Adaptionen nimmt sich jetzt der Meister mit der makaberen Note Tim Burton des Themas an. Dieser bewies immer wieder ein Händchen dafür, sogenannte Kindergeschichten erwachsenengerecht umzusetzen. Wie sooft ist auch Leib- und Magenschauspieler Johnny Depp mit an Bord, der demnächst auch wieder, für "Fluch der Karibik 4", in die Rolle von Captain Jack Sparrow schlüpfen wird.
Für die aktuelle Verfilmung von "Alice im Wunderland" ließ sich Burton grundlegend von dem beiden Hauptwerken aus Carolls Feder, "Alice's Adventures in Wonderland" und "Through the Looking-Glass and What Alice Found There", inspirieren. Diesmal aber wird die Geschichte nicht einfach neu erzählt, es ist eine Fortsetzung geworden.

Anders als in den literarischen Vorlagen landet diesmal keine Fünfjährige im bizarren Wunderland. Alice (Mia Wasikowska) ist inzwischen fast 19 und soll einen echten Lord heiraten; einen rotschöpfigen, an Verdauungsstörungen leidenden Langweiler von Adelszögling. Was sie selbst will und vom Leben erwartet, scheint niemanden zu interessieren. Da erscheint ihr plötzlich das rastlose weiße Kaninchen mit der Weste und der Taschenuhr, das sie schon seit Jahren in ihren Träumen heimsucht. Und es kommt, wie es kommen muss: Alice stürzt auf der Hatz nach dem Langohr in einen Abgrund und ist zurück im Wunderland, das nun Unterland heißt und immer noch von der fiesen Herzkönigin regiert wird, die nun einfach Rote Königin genannt wird. Natürlich muss sich Alice dieser abermals entgegenstellen, um ihr Schicksal zu erfüllen. Die Königin hat aber indes nicht nur aufgerüstet, obendrein zweifelt Alice daran, dass sie überhaupt die richtige für den Job ist. Sie ist der Meinung, dass ihre Freunde eigentlich auf eine ganz andere warten, die sie vor der Roten König erlösen könnte.

Burtons surrealer Trip beschränkt sich diesmal darauf den Konflikt, den Alice in der Realwelt ausficht, nun im bizarren Unterland zu spiegeln, welches überdeutlich zur Projektion von Alice's Unterbewusstsein herhält. Zwar fängt er im Kameraschwenk auch den leicht kafkaesken Reigen an Oberschichtlern des viktorianischen Zeitalters ein; das Hauptaugenmerk lag aber bei der Ausgestaltung der Geschehnisse im kunterbunten und von surrealen Kreaturen bevölkerten Unterland. Trotz der Vielfalt an Kreativergüssen und der Präsenz von kultigen Charakteren wie des Hutmachers und der Grinskatze, hat "Alice im Wunderland" im Kern aber recht wenig zu erzählen. Zerfahren und ohne richtigen Plot kommt der Streifen daher. Die überbordende Vielfalt macht den Film zudem extrem unruhig und alles in allem gibt es ein eklatantes Charmedefizit, welches echte Sympathieaufwallungen nicht so recht in Gang kommen lässt.
Fein eingefangen wurden hingegen die generelle Absurdität und die verquere Logik, die schon die Buchklassiker, und besonders auch die Dialoge, kennzeichnet. Ebenso liefert Johnny Depp eine gewohnt feine Show als irrer Hutmacher ab. Der Hollywood-Topstar scheint allmählich zur schauspielerischen Allzweckwaffe für die freakigen Rollen zu mutieren.
Ein paar Schwalben machen aber leider noch keinen Sommer. In der Gänze gelingt es "Alice im Wunderland", trotz modernster visueller Effekte und überwältigendem Design, nicht zu trumpfen. Zu dünn ist die Story und zu steril wirken die Figuren und das Geschehen dafür an sich.

Fazit: Schnell, skurril und zuweilen kreischend schrill. Im Stakkatotakt prasseln die surrealen Eindrücke, gleich einem wilden LSD-Trip, auf den Zuschauer ein. Wer die Geschichte von früher her kennt, entdeckt viele lieb gewonnene Figuren wieder, aber es gibt auch Neues zu bestaunen, das manchmal aber fast an einen World-of-Warcraft-Clip erinnert. Trotzdem vermag die 3D-Optik zu überzeugen; jedenfalls mehr als die Story, die einfach zu dünn ist, um davon mitgerissen zu werden. Alles in allem tauglich als Popcorn-Spektakel, aber nicht Burtons beste Arbeit.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.