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Cinderella
Cinderella
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Cinderella (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Regisseur Kenneth Branagh ist in einer gewissen win-win-Situation: Entweder er inszeniert "Cinderella" mit einem Pokerface als 1:1-Märchen - dann würde ihm die Treue zum Ausgangsmaterial, dem 1697 vom Franzosen Charles Perrault veröffentlichten Märchen, attestiert. Oder er treibt den Kitschfaktor in absurde Höhen - dann wird ihm die ironische Variierung der Vorlage zu Gute gehalten. Es konnte also nicht viel schief gehen für den Nordiren, der sich der amerikanisierten Version dieses europäischen Märchenstoffes angenommen hat.

Schon vom absurd aufgeschönten Märchenschloss-Logo der Walt Disney Pictures mit der gar nicht enden wollenden, streichersatten Signaturmelodie "When You Wish Upon a Star" aus "Pinocchio" ist klar, dass Branagh sich für Version zwei entschieden hat: In seinem Fantasy-Film sind die Helden noch schöner, die Schlösser noch größer, die Bösewichte noch fieser, die Kleider und die Ausstattung noch opulenter, als es Disney 1950 in ihrer mega-erfolgreichen Zeichentrickversion dargestellt hatten, die hier größtenteils als Vorlage gilt.

Die Entscheidung für die französische Fassung dieses schon seit dem Altertum in Variationen in aller Welt behandelten Stoffes gibt dabei bereits die Richtung vor: Glitzernd und unbeschwert ist das neue "Schön!". Keine Tauben, kein Haslreis über dem Grab der Mutter, kein Blut im Schuh, kein Abschneiden von Zeh oder Ferse, wie es in der Fassung der Gebrüder Grimm zu lesen steht. Sondern verwandelte Mäuse und Eidechsen, ein Zauber, der vor Mitternacht anhält, Kürbisse, die in Kutschen verwandelt werden.

Es wäre interessant gewesen zu sehen, was Regisseur Mark Romanek ("Alles, was wir geben mussten") mit dem Stoff angefangen hätte, doch er trennte sich von der Produktion, weil Disney seine düstere Version nicht mittragen wollten. Ersatzmann Branagh kann man Düsternis nun wirklich nicht vorwerfen. Eher einen generell fehlenden Mut, mit diesem sattsam bekannten Stoff und diesem schon zigfach verfilmten Märchen (zum Beispiel verkörperte Mary Pickford 1914 bereits die Titelrolle), das auch in Variationen wie "Auf immer und ewig" von 1997 auftaucht, etwas Neues anzufangen.

So wird es besonders im letzten Drittel klar, das sich dem Ende entgegenschleppt, dass Branagh und Drehbuchautor Chris Weitz ("Der goldene Kompass") keinerlei Absicht besitzen, die Geschichte mit irgendeiner Überraschung - sei es inhaltlich oder inszenatorisch - zu adeln. Es geht alles seinen schön anzusehenden und langweiligen Gang. Und der ehrenhafte Versuch, die Bösartigkeit der Stiefmutter zu erklären, bleibt halbbacken stecken.

Wo wir von der Stiefmutter sprechen: Sie ist die Trumpfkarte dieses Films. Cate Blanchett genießt es sichtlich, sich von der überfiesen Seite zu geben - aber bekommt immer noch gerade die Kurve, bevor es allzu sehr in die Karikatur abrutscht. Ihre Darstellung macht großen Spaß, und wenn sie auf der Leinwand zu sehen ist, hat "Cinderella" seine besten Momente. Insgesamt lebt dieser hochkarätig besetzte Film - Ben Chaplin, Helena Bonham-Carter, Hayley Atwell, Stellan Skarsgard und Derek Jacobi sind in Nebenrollen zu sehen - sowieso von der Hingabe der Schauspieler, die Branagh allesamt gerade so richtig führt, dass das Gefühl von "Oh, es ist alles so ironisch" keine Überhand nimmt, sich der Streifen aber andererseits auch nicht zu ernst nimmt.

Für zwei Drittel unterhält der Film mit einem flotten Tempo, großartigen Kostümen der dreifachen "Oscar"-Preisträgerin Sandy Powell ("The Young Victoria") und den fabelhaft anzuschauenden Kulissen des Produktionsdesigners und ebenfalls dreimaligen "Oscar"-Preisträgers Dante Ferretti ("Hugo"). Er ist witzig, teilweise anrührend und begeistert mit einer Action-Sequenz, bei der sich die Kutsche, die Pferde, die Diener und der Kutscher während der Fahrt wieder in einen Kürbis, in Mäuse, in Eidechsen und eine Gans zurückverwandeln. Für diese Sequenz gab es bei der Presseaufführung auf der diesjährigen Berlinale, wo "Cinderella" seine Uraufführung feierte, sogar Szenenapplaus. Leider folgte dann im restlichen Drittel auch nicht mehr annähernd etwas, das mit dieser Bravura-Sequenz hätte mithalten können.

Wenn so viele herausragende Talente zusammenkommen, ist es wenig verwunderlich, dass ein so schön anzuschauendes und unterhaltsames Werk zustande gekommen ist, das besonders diejenigen begeistern dürfte, die das Märchen noch nicht en detail kennen. Es ist aber schade, dass es zugleich ein so risikoloser, unaufregender und wenig überraschender Streifen geworden ist. Allein Cate Blanchett rechtfertigt ein mehrfaches Sehen dieses Über-Märchens.




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