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Kritik: Joker (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der unter Schlaflosigkeit leidende Vietnamveteran Travis Bickle sucht im Großstadtmoloch von New York verzweifelt nach einem Ausweg aus seiner eintönigen Existenz. Und der Möchtegernkomiker Rupert Pupkin entführt, angetrieben von seiner Sehnsucht nach dem Rampenlicht, einen bekannten Entertainer. Diese zwei Figuren – beide meisterlich gespielt von Robert De Niro – porträtiert Regielegende Martin Scorsese in seinen Leinwandklassikern "Taxi Driver" (1976) und "The King of Comedy" (1982). Filme, die unübersehbar Pate standen für Todd Phillips‘ düstere Vorgeschichte über den Batman-Bösewicht Joker. Jenen durchgeknallten Clown, der spätestens durch Heath Ledgers furiose Darbietung in "The Dark Knight" Kultstatus erlangte.

Von den ersten Momenten an weckt das Thriller-Drama "Joker", das bei den Filmfestspielen von Venedig überraschend mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde und seit der Uraufführung kontroverse Diskussionen provoziert, Erinnerungen an die Kinoästhetik der 1970er und 1980er Jahre. Altmodische Schriftzeichen und ein schummrig-atmosphärischer Retro-Look sind erste Reverenzen an die genannten Scorsese-Arbeiten um labile, unerfüllte, nach Anerkennung strebende Männer. Das Leben eines solchen Außenseiters nehmen "Hangover"-Regisseur Phillips und Ko-Drehbuchautor Scott Silver ("The Fighter") nun auch in ihrer Version der Joker-Origin-Story in den Blick.

Anfang der 1980er Jahre klammert sich der geistig instabile Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), der mit seiner Mutter Penny (Frances Conroy) in einer schäbigen Wohnung haust, an seinen großen Traum von einer Karriere als Stand-up-Comedian. Erfolge erzielt er jedoch nicht. Im Gegenteil: In seinem Job als Mitarbeiter einer Clownsagentur bekommt er regelmäßig Spott, Verachtung und rohe Gewalt zu spüren. Arthurs Abgleiten in den Wahnsinn beginnt, als er, noch kostümiert, in der U-Bahn mit einer geschenkten Pistole drei auf ihn einprügelnde Geschäftsmänner erschießt. Fleck kann unerkannt fliehen, legt im Anschluss ein immer destruktiveres Verhalten an den Tag und gerät unwillentlich ins Visier des scharfzüngigen Fernsehmoderators Murray Franklin (Robert De Niro). Parallel befeuert die Bluttat eine aggressive Protestbewegung gegen die Verlogenheit und die Arroganz der Oberschicht.

Der Versuch, die Erfahrungen Flecks mit dem Phänomen des Wutbürgertums zu kombinieren, funktioniert nur bedingt. Trotz einiger Hinweise auf die angespannte Lage in Gotham City wirkt das nach den U-Bahn-Morden losbrechende Aufbegehren der enttäuschten Bürger, die sich symbolisch Clownsmasken überstreifen, etwas forciert. Um den Furor überzeugend zu gestalten, hätten Phillips und Silver das Brodeln in der Beziehung zwischen Arm und Reich vorab noch stärker greifbar machen müssen. Unter dem Versäumnis leidet auch ein wenig der Showdown, dessen apokalyptische Bilder nicht ganz so verstörend anmuten wie geplant. Kritisieren muss man zudem, dass das Drehbuch ab und an simple Erklärungsmuster bemüht, manche Gegensätze zu plakativ zeichnet und die Bezüge zur Batman-Mythologie eher fantasielos in die Handlung integriert.

Der Film hat fraglos seine Macken und bindet sich mit seiner offenkundigen Hommage an "Taxi Driver" und "The King of Comedy" ein gewaltiges Gewicht ans Bein, schafft es aber immer wieder, eine knisternde, bedrohliche Stimmung zu kreieren. Zu verdanken ist dies neben der pulsierenden Musikuntermalung und den bedrückenden Bildern eines ranzigen Gotham Citys vor allem dem Können von Hauptdarsteller Joaquin Phoenix. Ohne Rücksicht auf Verluste wirft er sich in die Rolle des ausgemergelten Clowns und verleiht ihm eine Ambivalenz, die das Skript nicht in jeder Phase bereithält. Schmerzhaft anzusehen sind die Momente, in denen sich die dünne Haut über Flecks Knochen spannt, und jene Augenblicke, die seinen zwanghaften Impuls zeigen. In denkbar unpassenden Situationen bricht Arthur nämlich in ein quälendes Gelächter aus, das er nicht kontrollieren kann. Phoenix gelingt es, Mitleid für den Protagonisten zu wecken, treibt allerdings auch einen Keil zwischen ihn und das Publikum, indem er den Irrsinn und die wachsende Zerstörungslust in seinem Spiel deutlich herausarbeitet.

"Joker" wartet durchaus mit einigen Gewaltspitzen auf. Die Debatte um die Gefährlichkeit des Films ist dennoch reichlich überzogen, da er sich nicht an den Taten seiner Hauptfigur weidet und deren Rundumschlag, anders als der kürzlich veröffentlichte Selbstjustizreißer "Rambo: Last Blood", keineswegs rechtfertigt. Trotz ihrer erzählerischen Schwächen bietet die grimmige Seelenstudie eine eigenwillige, unbequeme Interpretation des bekannten Bösewichts, die mit klassischen Comicverfilmungen wenig gemein hat. Von einer großen Studioproduktion hätte man das nicht unbedingt erwartet.

Fazit: Beileibe kein Meisterwerk, aber doch ein intensiver, vibrierender Leinwandalbtraum, der in besonderem Maße von Joaquin Phoenix‘ mitreißender Performance lebt.




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