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Kritik: Dune (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Dune" ist der Heilige Gral der Science Fiction. Frank Herberts 1965 veröffentlichter Roman, der sich bis zu Herberts Tod 1985 zu einem sechsbändigen Zyklus auswuchs, galt lange Zeit als unverfilmbar. 1984 wagten sich die italienische Produzentenlegende Dino De Laurentiis und Albtraumfilmer David Lynch, der noch ganz am Anfang seiner Karriere stand und diese mit "Dune" beinahe beendet hätte, an Herberts Werk und scheiterten krachend. Faszinierender als Lynchs missglückte Adaption oder die mittelmäßigen Umsetzungen, die fürs Fernsehen folgten, sind indessen die Anekdoten über die Projekte, die gar nicht erst zustande kamen.

David Lean, der in "Lawrence von Arabien" (1962) wunderschöne Wüstenlandschaften und eine in ihrem Kern ähnliche Abenteuer- und Kolonialgeschichte auf die Leinwand gezaubert hatte, war als Regisseur im Gespräch, ebenso Ridley Scott, der sich stattdessen lieber "Blade Runner" (1982) zuwandte und nach seinem "Alien" (1979) den nächsten Meilenstein des Science-Fiction-Films setzte. Die psychedelische Vision des aus Chile stammenden und in Paris lebenden Tausendsassas Alejandro Jodorowsky scheiterte am Budget. Seine Version hätte 14 Stunden dauern sollen und Entwürfe des Comic-Genies Mœbius alias Jean Giraud und des "Alien"-Schöpfers HR Giger mit einem illustren Ensemble bestehend aus Salvador Dalí, Orson Welles, Mick Jagger und Jodorowskys Sohn Brontis vereint. Wie irre dieses Vorhaben war und in welche Richtung das Sci-Fi-Genre hätte steuern können, hätte Jodorowsky seinen Film realisiert, dokumentiert Frank Pavichs "Jodorowsky's Dune" (2013) ebenso lust- wie wundervoll.

Aus all dem wurde bekanntlich nichts. Stattdessen hat sich nun Denis Villeneuve einen seiner erklärten Lieblingsromane vorgenommen. Wie vom Frankokanadier gewohnt, ging er auch dieses Megaprojekt mit äußerster Akribie an. Dass das Kinopublikum auf diesen Regisseur achten sollte, hat Villeneuve bereits vor seiner Hinwendung zur Science Fiction bewiesen. Filme wie "Polytechnique" (2009), "Incendies" (2010), "Prisoners" (2013), "Enemy" (2013) und "Sicario" (2015) waren allesamt nicht nur ungemein spannend, sie trugen auch eine eigene Handschrift, die sich der Regisseur bis heute bewahrt und von Film zu Film verfeinert hat. Mit "Arrival" (2016) hat der 1967 geborene Filmvisionär gezeigt, dass Science Fiction mehr als bloßes Spektakel sein kann und mit "Blade Runner 2049" (2017), der Fortsetzung von Scotts "Blade Runner" (1982), dass er den Vergleich mit Vorbildern nicht scheut – mehr noch: dass seine Zukunftsvisionen mit den größten der Filmgeschichte mithalten können. Eine Adaption von Frank Herberts "Dune" scheint da nur folgerichtig.

Schon "Blade Runner" hatte eine literarische Vorlage, Philip K. Dicks Roman "Do Androids Dream of Electric Sheep?" (1968), der nur drei Jahre nach "Dune" erschienen ist und doch kaum unterschiedlicher sein könnte. Während Herbert mit epischem Atem von weitverzweigten Adelshäusern in einem planetenumspannenden Universum erzählt, präsentiert Dicks vergleichsweise schmales Büchlein die hyperventilierende Innensicht eines unzuverlässigen Erzählers in einer Megacity auf der Erde. Und wo sich in Herberts Literatur die Blütenträume der Hippies wiederfinden konnten, klangen bei Dick das Vietnam-Trauma und die Paranoia der Nixon-Ära an. Das ist düsterer und konfuser, vor allem aber deutlich übersichtlicher und viel freier interpretierbar. Vielleicht hat Ridley Scott Anfang der 1980er Jahre auch deshalb einer Adaption von "Blade Runner" den Vorzug gegeben. Interessanterweise schwingt nun auch in Villeneuves "Dune" viel von Philip K. Dick mit.

Und auch von David Lynchs "Dune" hat Villeneuve gelernt. Lynchs Adaption scheiterte auf vielen Ebenen, vor allem aber daran, zu viel in zu wenig Zeit erzählen zu müssen. Diesen Fehler wiederholt Denis Villeneuve nicht. Seine Neuverfilmung umfasst nur gut die Hälfte des ersten Romans. Und selbst für diese lässt er sich Zeit. Die Einführung in die Adelshäuser Atreides und Harkonnen, in ihre Lebensweisen und Weltanschauungen, in ihre Hierarchien und Figurenkonstellationen nehmen viel Raum ein. Ebenso lange dauert es, sich als Kinopublikum gemeinsam mit den Neuankömmlingen auf dem Wüstenplaneten Arrakis zurechtzufinden. All das wird einem beim Zusehen aber nie lang.

Denn Denis Villeneuves "Dune" ist auch ein Grundkurs im Drehbuchschreiben. Seine Art, Geschichten zu erzählen, benötigt keine ungelenken inneren Monologe wie einst David Lynch. Gemeinsam mit seinen zwei Co-Autoren Jon Spaihts ("Prometheus – Dunkle Zeichen", "Passengers") und Eric Roth (Oscar für das Drehbuch zu "Forrest Gump") beweist Villeneuve, wie spannend eine ausufernde Exposition sein kann. Die Informationsvermittlung erfolgt ganz organisch, über Szenen, die in Tagesabläufe eingebunden sind und auf diese Weise etwas über die gezeigte Welt und über die Beziehung der Figuren zueinander verraten, gleichzeitig aber jederzeit die Handlung vorantreiben.

Bis die Action in diese Adaption Einzug hält, vergehen viele Filmminuten, die allerdings (wie übrigens der gesamte Film) wie im Flug vergehen. Und bereits bis dahin fährt Villeneuve spektakuläre Schauwerte auf. Der Regisseur erschlägt sein Publikum förmlich mit schierer Größe. Die Landschaften scheinen endlos, die Gebäude, Raumschiffe und Maschinen sind gigantisch. Hans Zimmers Musik wummert und rattert wüst dazu, lässt einen innerlich erbeben. Das ungläubige Staunen beim Anblick dieser imposanten Bilder rührt auch daher, dass bei Villeneuve alles echt und nichts computergeneriert aussieht – weder die Sets noch die fein choreografierten Kämpfe; ganz anders also und viel überzeugender als in so vielen Comicverfilmungen, zu denen Villeneuves Film auch inhaltlich eine echte Alternative für ein erwachsenes Publikum ist.

Technisch perfekt umgesetzt, wirkt Villeneuves "Dune" in seiner Makellosigkeit aber auch geradezu aseptisch kühl. Die Wärme kommt von den Figuren, die liebevoll miteinander umgehen. Die Beziehungen des jungen Paul Atreides – von Timothée Chalamet mit unnachahmlich melancholischem Blick gespielt – zu seinen Eltern und zu seinem Lehrmeister und väterlichen Freund Duncan Idaho bringen eine Intimität in diesen Film, die seinen Bildern abgeht. Die beeindruckenden Bilder sind Stärke und Schwäche zugleich. Denn so überwältigend sie auch ausschauen, sie wirken austauschbar.

Denis Villeneuves zuvor gezeigte Handschrift tritt in "Dune" so stark wie nie hinter einen im zeitgenössischen Science-Fiction-Kino allgegenwärtigen Stil zurück, der durch einen bis ins letzte Detail designten Minimalismus gekennzeichnet ist. Wie gewohnt setzt Villeneuve auch in "Dune" auf brutalistische Architekturen, auf spartanisch eingerichtete und von allem Zierrat befreite Räume und auf eine äußerst reduzierte Farbpalette. Das Ergebnis könnte visuell aber auch aus den jüngsten Filmen Ridley Scotts, Christopher Nolans oder James Grays stammen. Ja, selbst teuer produzierte Fernsehserien wie "Westworld", "Raised by Wolves" oder die für Ende September 2021 angekündigte Asimov-Adaption "Foundation" unterscheiden sich visuell nur unmerklich. So kläglich David Lynchs "Dune" auch gescheitert ist, in der Rückschau muss man ihm seinen Mut zu einer opulenten, barocken Ausstattung und zu einem in den Camp abdriftenden Stilpluralismus zugutehalten.

Auch die inhaltliche Tiefe der Vorlage bleibt bei der Übertragung vom Buch zum Kinofilm auf der Strecke. Sind die Mitglieder des Hauses Atreides noch plastisch gezeichnet, werden aus den in der Vorlage weitaus vielschichtigeren Harkonnens eindimensionale Bösewichter gemacht. Im Kontext des Genrekinos verfehlen diese verabscheuungswürdigen Gegenspieler aber keinesfalls ihre Wirkung. Etwas mehr Tiefgang als nur ein paar Anspielungen auf vergangene Kolonialpolitik und die gegenwärtige weltpolitische Lage hätten es dann aber gern sein dürfen. Hier war man von Villeneuve bislang mehr gewohnt. Alle Voraussetzungen, aus dem komplexen politischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen und religiösen Geflecht des ersten Teils im zweiten Teil (noch) mehr zu machen, sind aber bereits angelegt. Ein imposanter Auftakt, der der Vorlage treu bliebt und auf eine fulminante Fortsetzung hoffen lässt.

Fazit: Denis Villeneuves Adaption von Frank Herberts kultisch verehrtem Roman ist ein in allen Gewerken brillanter Film, der den Segen vieler Fans der Vorlage erhalten dürfte. Atemberaubende Bilder und erwachsene Action machen aus "Dune" eine echte Alternative für all jene, die mit dem Kinderquatsch der Comicverfilmungen nichts anfangen können. Ob diese Neuverfilmung allerdings die von Villeneuve gewohnte Tiefe besitzt, wird sich erst in der Fortsetzung zeigen. Ein imposanter Auftakt, der auf Großes hoffen lässt.




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