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Toni Erdmann
Toni Erdmann
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Kritik: Toni Erdmann (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit "Toni Erdmann" feierte die Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin Maren Ade im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes eine von der Kritik einhellig umjubelte Weltpremiere. Der Spruch "Don't believe the hype!" trifft in diesem Falle ausnahmsweise nicht zu, denn der dritte Langfilm der HFF-München-Absolventin ist tatsächlich ein unvergleichlich wahrhaftiges, kluges Werk. In 162 Minuten – von denen keine einzige entbehrlich ist – widmet sich Ade ihren beiden vielschichtig gezeichneten Hauptfiguren. Dabei schafft sie es, die Tragik eines Vater-Tochter-Konflikts mit überaus gelungener Situationskomik zu verbinden und obendrein eine fein beobachtete Businesswelt-Satire zu liefern.

Das zentrale Duo wird von Peter Simonischek und Sandra Hüller mit Bravour verkörpert. Blessuren aus der Vergangenheit und aktuelle Spannungen werden glaubwürdig vermittelt; die Enttäuschung und Ratlosigkeit des Vaters Winfried sowie die seelische Belastung und Irritation der Tochter Ines kommen in Blicken, Gesten und herrlichen Dialogen präzise zum Ausdruck. Als Winfrieds Versuch, wieder Nähe zu Ines aufzubauen, scheitert und der idealistische Alt-68er daraufhin mit alberner Zahnprothese, scheußlicher Perücke und billigem Anzug die schillernde Kunstfigur "Toni Erdmann" ins Leben ruft, um sich in dieser Rolle auf ganz neuem Wege in Ines' Alltag zu begeben, entstehen im weiteren Verlauf der Handlung einige äußerst absurde Situationen, die nicht selten unfassbar vergnüglich sind (Stichwort: Gesangseinlage!).

Als Milieustudie gewährt "Toni Erdmann" indessen einen Blick in den Wirtschaftskosmos, welcher immer noch von Männern dominiert wird. Der mal unterschwellige, mal völlig offenkundige Sexismus, dem sich Ines ausgesetzt sieht, wird treffend eingefangen; dank Winfried kommt es zudem am Rande eines rumänischen Ölfeldes zu einer interessanten Begegnung, die Ades Gespür für den Schauplatz des Geschehens demonstriert. Zu den Höhepunkten des Films zählt schließlich ein unkonventioneller Teambuilding-Brunch, der in die Kinogeschichte eingehen wird.

Fazit: Ein Werk, das Humanismus, Witz und Schärfe eindrücklich kombiniert; wunderbar geschrieben und sensationell gespielt.




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