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Kritik: Tenet (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5


Wie schon in vielen seiner Arbeiten – etwa "Memento" (2000), "Inception" (2010) oder "Interstellar" (2014) – befasst sich der in London geborene Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan in seinem neuen Werk "Tenet" mit dem Thema Zeit. Er erzählt eine recht klassische Agenten-Story mit einem (namenlosen) Protagonisten, der die Welt retten muss – und reichert diese mit Mindfuck-Elementen an, die einen Mix aus Actionthriller und Science Fiction ergeben. Dies führt zu gigantischem Überwältigungskino, das indes nicht ganz die Originalität von "Memento", die Cleverness von "Inception" oder die emotionale Wucht von "Interstellar" erreicht.

In Zeiten von COVID-19 hat sich "Tenet", nachdem dessen Starttermin mehrmals verschoben wurde, zu einem Film entwickelt, auf dem die Hoffnung einer ganzen Branche lastet: Er soll den Genuss an der großen Leinwand zurückbringen, soll das Publikum wieder in die Lichtspielhäuser locken und damit anderen Event-Movies den Weg ebnen. Tatsächlich tut der Film einiges, um diese Aufgabe zu erfüllen: Kämpfe und Autoverfolgungsjagden werden handwerklich perfekt umgesetzt und erhalten durch die fantastischen Plot-Bestandteile einen zusätzlichen dramaturgischen und visuellen Reiz – wenn etwa ein Auto rückwärts auf dem Highway rast oder ein Duell höchst ungewöhnlich abläuft. Auch die Schauplätze sind klug gewählt und bieten Abwechslung. Auf der Tonspur lässt der Komponist Ludwig Göransson ("Black Panther") häufig die Bässe knallen – was gewiss effektiv, zuweilen aber auch ziemlich überzogen ist.

Dass Blockbuster-Unterhaltung nicht unterkomplex sein muss, hat Nolan bereits bewiesen. Auch hier geht es kompliziert zu – wenn über Entropie, invertierte Kugeln, einen temporalen Krieg oder das Großvaterparadoxon gesprochen wird. Es gibt zahlreiche Passagen, in denen Phänomene erklärt werden; allerdings erscheint der Erzählkosmos von "Tenet" insgesamt weniger stimmig als der von anderen Nolan-Werken – die innere Logik mutet weniger bestechend an, das Ergebnis ist nicht rundum zufriedenstellend. Zudem verfügen die Figuren nicht über die nötige Tiefe, um sich von ihrem Schicksal mitreißen zu lassen. Hauptdarsteller John David Washington ("BlacKkKlansman") ist charismatisch, Robert Pattinson bringt als Sidekick die nötige Süffisanz ins Spiel; Kenneth Branagh als Antagonist und Elizabeth Debicki als dessen tragische Gattin bewegen sich indes sehr nah am Klischee. Eine wirkliche Bindung zum Personal des Films vermag sich nicht aufzubauen. Als Spektakel auf gehobenem Niveau funktioniert "Tenet" dennoch.

Fazit: Überwältigende Bilder, smarte Überlegungen und zwei coole Stars (John David Washington und Robert Pattinson) im Zentrum – "Tenet" macht vieles richtig, hätte jedoch in der Zeichnung der Figuren und deren Welt noch präziser sein können.




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