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The Beach
The Beach
© 20th Century Fox

Kritik: The Beach (2000)


"Titanic" war sein künstlerischer Untergang: Leo DiCaprio, einst für den Oscar nominiert, ist nur noch eine Gallionsfigur für Titelblätter. "Keiner küsst so gut wie Leo!", verkünden die einschlägigen Organe ("Bravo", "Mädchen"), um ihre Klientel in Danny Boyles "The Beach" zu locken – ein Werk, das zweifelsfrei in eine völlig andere Richtung zielt.

Sand im Publicity-Getriebe: "Mein Image ist total außer Kontrolle", jammert der Superstar und Mädchenschwarm, der Journalisten meidet und statt dessen lieber für Skandälchen sorgt. Etwa, wenn er samt Entourage das Nacht- und Partyleben dermaßen intensiv genießt, dass wieder mal die Fetzen fliegen. Ja, vor "Titanic" war DiCaprio noch ernst zu nehmen – nun aber ist er in Berlin gestrandet.

Dort nämlich lief "The Beach" im Berlinale-Wettbewerb – glatt ein Affront, mosern die Kritiker, und haben damit sogar Recht: In Boyles ("Trainspotting") missglückter Adaption des Aussteigerromans von Alex Garland ist DiCaprio reif für die Insel. Als "Accidental Tourist" taumelt er auf der Suche nach dem maximalen Input und Vollkommenheit durch ein psychodelisch angehauchtes, falsches Paradies – mit Hasch und fragwürdigen Idealen im Gepäck.

Sucht nach Vergnügen und dem "Perfect Picture": Darius Khondjis Kamera-Arbeit ist superb und fängt die traumhafte Idylle überzeugend ein. Bisweilen wähnt man sich in einem gut gemachten Werbespot – mit Filmmusik, die so banal ist wie die Untermalung einer "Traumschiff"'-Folge. Und dann mutiert der Film zu einem "Herr der Fliegen" für die Aussteiger, schickt sich dabei jedoch vergeblich an, seichte Gewässer hinter sich zu lassen. Die menschlichen Aspekte der Geschichte bleiben dabei auf der Strecke.

Hai-Life mit Blut und Tränen: Das Paradies war bloß ein Schein, Vollkommenheit nur eine Illusion. Als schwer bewaffnete Canabis-Farmer und gefräßige Lagunenhaie das ausgelassene Grüppchen dezimieren, folgt die Vertreibung aus dem schönen Inselparadies.

Und alle gehen wieder heim.

rico


---Lustiges Reisen, kaum Substanz---

Leonardo DiCaprio hatte sich –weise, weise- lange Zeit zurückgezogen, bis er nach seinem "Titanic"-Erfolg wieder ins Rampenlicht springen wollte. Mit "The Beach" ist er jetzt zurückgekehrt. Es liegt auch nicht an ihm, dass dieser Film einfach nur schlecht ist, es liegt erstaunlicherweise am Regisseur Danny Boyle.

Alles, was das Team Danny Boyle (Regie), Andrew McDonald (Produktion) und John Hodge (Drehbuch) bisher anfassten, wurde zu Gold. Ob nun der überraschende Einstieg mit "Kleine Morde unter Freunden" oder einer der wichtigsten europäischen Filme der 90er, "Trainspotting": Jeder Film war großartig. Das Thema, welches dabei immer wieder sichtbar wurde, war der Blick hinter die Fassaden der scheinbar trendigen Welt. Hinter der Wohngemeinschaft von "Kleine Morde unter Freunden" lauerte eine extreme Kultur des Neids, hinter dem coolen Look von "Trainspotting" die Drogen. Bei "The Beach" ist dies anders. Auf die hämmernden Technobeats der titles, die von mehr oder weniger weisen Worten Leos begleitet werden, folgt keine Ernüchterung. Im Gegenteil! Der Film zeigt wie schön und toll doch das Leben der Rucksacktouristen ist. Jener, die ausziehen, sich selbst zu finden.

In keinem Wort wird hier eine Kritik auch nur angerissen. Die Abwendung von der Welt wird gefeiert, ob nun mit trendigen Beats als Begleitung oder auch nur in den postkartenreifen Bildern, die mit typischen MTV-Manierismen einhergehen. Von Doyles Fähigkeit, genau diese Manierismen zu unterlaufen, ihnen einen Sinn zu verleihen, ist nicht viel zu spüren. Der Film ist über weite Strecken nicht viel mehr als eine Werbebroschüre.

Dabei scheint es die Story etwas anders zu wollen: Der junge Richard ist anfangs ein einfacher Rucksackreisender, wird aber durch seinen immer größeren Wunsch, Neues zu erleben, neugierig gemacht, einen wunderbaren Strand zu finden. Eine Art Paradies der Unberührtheit. Ihm erzählt ein älterer, von Drogen und Wetter gezeichneter Mann namens Daffy von dieser Idylle. Und als Richard diesen am nächsten Tag tot im Zimmer findet, pinnt an seinem eigenen die Karte zum verlorenen Paradies.
Richard schließt sich mit einem französischen Pärchen zusammen, diesen Strand und die dazugehörige Insel zu finden. Als sie dann dort ankommen, realisieren sie, dass auf dieser Insel eine ganz Kommune von Aussteigern neben einem Hanf-Farmer lebt. Sie sind sozusagen die Kinder dieser Welt, angeführt von der resoluten Sal.

Mit der Ankunft der drei Neulinge ändert sich zunächst wenig. Erst als herauskommt, dass Richard die Karte kopiert und ein paar anderen amerikanischen Touristen gegeben hat, wird dies der Anfang vom Ende. Robert soll darauf achten, dass diese Beiden die Idylle nicht stören. Er wartet wochenlang im Dschungel, verschmilzt fast mit diesem und wird zum Tier. Am Ende mündet dies in Wahnsinn, Tod und Erkenntnis.

Es dauert lange, bis sich der zweite Teil der Story entfaltet. Bis dahin gibt es eigentlich immer nur neue Bilder der Idylle zu bewundern und gleichzeitig den wunderschönen, jungen Aussteigern zuzuschauen, wie sie sich in romantischen Geplänkeln verirren. Dies ist elendig langweilig. Nicht nur, dass es außer Schönheit kaum etwas zu sehen gibt, die Plastikromanzen sind so konstruiert und soap-ähnlich, dass man allzu schnell die Lust daran verliert. Wenn es dann im zweiten Part endlich zu einer psychologischen Komponente kommt, scheint es schon zu spät. Die letzte halbe Stunde, in der Boyle anhand von "Apocalypse Now" und "The Deer Hunter" Richards psychische Wandlung erklärt, ist zwar manierlich bis sehr gut gelöst, findet aber wohl kaum noch aufmerksame Zuschauer. Viele große Möglichkeiten sind zerstört, der Film interessiert eigentlich nicht mehr.

Dabei hätte er ungeheures Potential gehabt. Der Film beruht auf einem Roman von Alex Garland. Man merkt "The Beach" an, dass die meisten Themen, vor allem aber die Erzählstruktur, eher für das Grundmedium Buch geschaffen waren. Vielleicht hätte sich Boyle mehr auf eigene Ideen stützen sollen, anstatt das im Buch Vorhandene nur schmackhaft, in seinem typischen Stil auf die Leinwand zu bringen. Oftmals wirkt dies auch eher bemühter, als es früher war. Er scheint seinen Fans einfach nur das Angestammte geben zu wollen, achtet aber sehr gering auf die Story.

Richard hätte schon viel früher eine Wandlung machen müssen. Seine Figur ist anfangs statisch, geht dann aber mit Riesenschritten Veränderungen ein. Dies und vielleicht ein wenig Kritik hätten gut getan. Statt diese Touristen, die wie Trent in "Trainspotting" und die Wohngemeinschaft in "Kleine Morde unter Freunden" auch hilflos nach ihrer Orientierung in der multimedialen Konsumgesellschaft suchen, zu glorifizieren, hätte Boyle meiner Meinung nach zeigen sollen, dass diese Kommune, wie sie im scheinbaren Paradies existiert, und wie sie sich tausende von solchen Trampern wünschen, einfach scheitern muss, nicht nur, dass sie hätte abgeschieden bleiben müssen. Manche Szenen, zum Beispiel, wenn ein schwer Verletzter wegen seines Stöhnens einfach im Wald ausquartiert wird, damit der Rest seine Ruhe hat, sind dabei mit genau dem notwendigen Potential ausgestattet. Sie sind nur zu selten.

Die Figuren aus "The Beach" laufen vor der Realität weg. Das Leben kann kein Paradies sein, es ist nicht möglich in Harmonie zu leben. In Ansätzen kommt dies auch heraus, nämlich immer dann, wenn die Bewohner ihr Ländchen vor aller Welt fast schon in Gier geheim halten. Dennoch geht Danny Boyle sehr versönlich mit seinen Figuren um. Sie sind doch tolle Menschen, sehen phantastisch aus und haben ein cooles Leben gelebt, auch wenn sie weggelaufen sind. Nichts zu spüren von der Rache der Drogen. "Choose life"... und einen mächtig großen Fernseher. Diese Utopie mit leichter Kritik zum Schluss hin ist da viel zu aufgeregt, um nichts als Langeweile.




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